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Beehoven trifft auf Riesling

RÜDESHEIM (16. Dezember 2020). Beethovens letzte Worte („Schade, schade, zu spät!“) bezogen sich angeblich auf eine Lieferung Rheingau-Wein, die erst kurz vor seinem Ableben eintraf. Des Komponisten Affinität zum Rebensaft nutzte der Mainzer Musikprofessor Peter Kiefer zum Projekt „Klangwein Beethoven 250“. Im Interview erläutert der Klangkünstler seine Idee:

Herr Prof. Kiefer, welchen Forschungsansatz verfolgen Sie mit dem Klangwein?

Peter Kiefer: Der Ursprung ist weniger akademisch, sondern eher künstlerisch. Im Prinzip begleitet mich das Nachdenken über Klang und dessen Bedeutung in unserer Gesellschaft schon mein ganzes Leben. Hier bin ich auf erstaunliche Phänomene gestoßen, wie Klang unseren Lebensalltag mitbestimmt und begleitet, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Ein interessanter Aspekt war für mich dabei die Frage, inwieweit sich Klang vielleicht auch auf die Reifung von Wein auswirken kann. „Klangwein Beethoven 250“ ist ein also eher ein Vorhaben, das die Welten von Kunst, Kulinarik und Klängen miteinander verbindet.

Welchen Wein haben Sie für Ihr Experiment ausgewählt?

Peter Kiefer: Die Geschichtsschreibung belegt, dass die vier Flaschen Wein, die Beethoven sich von seinem Verleger B. Schotts Söhne nach Niederösterreich hat senden lassen, aus der Rüdesheimer Lage stammten. Diesem Narrativ folgend muss ein authentischer Klangwein für Beethoven also aus dem Rheingau und speziell aus Rüdesheim kommen. Beim Klangwein handelt sich um das etablierte Weingut Georg Breuer sowie das junge, aber aufstrebende kleine Riesling-Gut von Christoph Schütt. In einem persönlichen Treffen konnte ich die Winzer von der Idee begeistern, was mich sehr gefreut hat, denn es erfordert ja eine große Aufgeschlossenheit für ein solches Experiment.

Und wie wird der Wein nun behandelt?

Peter Kiefer: Der ausgesuchte Wein wurde Ende September, Anfang Oktober geerntet und unmittelbar in Gärbehälter gefüllt. In diesen für Riesling üblichen Edelstahlbehältern ist eine Technik angebracht, die direkt die Schallwellen der Musik in den Wein projiziert und diesen während der Gärung und Reifung physisch in Schwingung versetzt. Es entsteht ein Beethoven-Klangwein im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei ist natürlich der Bezug zu Beethovens 250. Geburtstag am 16. Dezember 2020 besonders eng: Der Wein wuchs im Jubiläumsjahr und schwingt nach der Ernte seit dem ersten Augenblick der Abfüllung in Gärgebinden mit dem Klang von Beethovens Musik – und das 24 Stunden am Tag.

Welche Musikstücke hört der Wein denn?

Peter Kiefer: Wir haben uns für zwei Orchester- und zwei Klavierstücke Beethovens entschieden: Neben der bekannten „Ode an die Freude“ aus der neunten Sinfonie wird ein weiterer Wein mit der gesamten „Pastorale“, also der 6. Symphonie beschallt. Diese hat ja einen besonderen Bezug zu Land und Natur und die Leichtigkeit und Spritzigkeit der Musik passt sehr gut zum Charakter des Rieslings. Als Klavierstücke wurden die wunderbare achte Sonate „Pathétique“ und natürlich „Für Elise“ ausgewählt. Insgesamt entstehen so vier verschiedene Klangweine.

Welche Technik kommt dabei zum Einsatz?

Peter Kiefer: In einem eigens entwickelten Verfahren versetzen Schwingungsgeber den ganzen Tank in Bewegung, ohne dass diese Technik mit dem Wein in Berührung kommt. Wir waren alle sehr überrascht, wie gut die Musik in den mit Wein gefüllten Tanks resoniert.

Kann Beschallung die Entwicklung des Weins denn überhaupt beeinflussen?

Peter Kiefer: Bei der Realisierung der künstlerischen Idee anlässlich des Beethoven-Jubiläums war für uns die Frage nach der Belegbarkeit erst mal sekundär. Wir betreten Neuland und es gibt keine wissenschaftlichen Studien zur Beschallung von Wein. Dabei muss man sagen: Noch nicht, da die Versuche, eine Wirkung nachzuweisen, schon laufen. Ich habe aus meiner Erfahrung als Musiker und Klangforscher diese Idee aus einem bestimmten künstlerischen Ansatz entwickelt: Ein Anlass dafür war ein Projekt zum zehnjährigen Jubiläum des Kammermusiksaals des Beethovenhauses in Bonn vor über dreißig Jahren; unter der Bühne lagern die Originalmanuskripte von Beethoven und manche Musiker schätzen das sehr und sagen, es sei, als ob der Geist von Beethoven sich bis auf die Bühne vermittle.

Und der soll nun durch den Schall in den Wein?

Peter Kiefer: Auch bei unserem Klangwein stellt sich die Frage, ob das Wesen der Musik durch die Klänge übertragen werden kann. Aber das gilt ohnehin für das Anhören von Musik generell: Hier werden die Klänge in den meisten Fällen ja auch durch Tonträger und Lautsprecher vermittelt, also einer technischen Transformation unterzogen. Bei diesem Experiment kann sich jeder persönlich sein Urteil bilden. Wir wollen keine Versprechungen machen, hoffen aber natürlich auf eine Wirkung. Klar ist: Die Hefe und die Weinmoleküle schwingen mit den Klängen der Musik mit und diese Vibration kann man deutlich mit den Händen am Tank spüren. Die „Aura“ des Komponisten in den Schwingungen seiner Musik ist insofern sehr real und wahrnehmbar.

Klangwein Beethoven 250
Der Klangwein wird Anfang April abgefüllt. Vorbestellungen der jeweils in Zweiergebinden angebotenen Weine sind bereits jetzt unter vinothek@georg-breuer.com möglich. Dort kann man dann auch den unbeschallten Riesling zum direkten Vergleich bestellen.

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