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„Musik hält die Gesellschaft zusammen“

MAINZ (4. April 2020). Das Corona-Virus hat auch das örtliche Musikleben weitestgehend lahmgelegt, weswegen sich der Mainzer Stadtmusiker Felix Koch am 3. April mit einem Hauskonzert im Livestream an die Musikliebhaber richtete. schreibwolff.de sprach mit dem Mainzer Hochschulprofessor darüber, was die aktuelle Situation vor allem für freischaffende Kollegen bedeutet.

Herr Prof. Koch, was macht der Stadtmusiker derzeit tagsüber und abends?

Felix Koch: Mein Tag ist trotz Corona-Krise ziemlich durchstrukturiert: Morgens ist Home-Office-Zeit; es gibt zurzeit sehr viel zu organisieren, regelmäßige Skype-Konferenzen mit meinen Mitarbeitern des Collegium musicum, dann individuelle Übezeit am Cello. Nachmittags bereite ich neue Projekte vor und nach: Noten einrichten, im letzten Jahr eingespielte CD-Produktionen abhören, mit dem Tonmeister Schnittpläne erstellen, Konzerte und das Musikfestival „Internationale Musiktage Wörrstädter Land“ für die nächsten Jahre weiter planen sowie Projekte des Sommersemesters für die Studierenden der Hochschule für Musik digital anpassen. Es gibt für mich wahnsinnig viel zu tun – auch in der jetzigen Zeit.

Inwiefern leidet Ihre eigene künstlerische Tätigkeit unter der Krise?

Felix Koch: Musik machen und künstlerisch tätig sein bedeutet für mich immer, Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen. Ob man mit Kolleginnen und Kollegen im Ensemble musiziert oder singt, als Solokünstler für ein Publikum spielt oder ein Ensemble dirigiert: Man kommuniziert mit dem Gegenüber. Das ist in der jetzigen Situation etwas, was deutlich fehlt. Unter dieser musikalisch-gesellschaftlichen Isolation leide ich am meisten.

Was bedeutet die Corona-Krise für freischaffende Musiker?

Felix Koch: Sie trifft die künstlerische Zwangspause sehr hart. Gerade in den Hochsaisons vor Ostern und Weihnachten verdienen viele den Hauptteil ihres Jahreseinkommens. Dass diese Verdienstmöglichkeiten gerade jetzt in der Passionszeit wegbrechen, Musikschulen geschlossen sind und privater Musikunterricht nicht möglich ist, bringt viele Kolleginnen und Kollegen an den Rand der Existenz.

Wie kann man hier Abhilfe schaffen?

Felix Koch: Ich bin froh, dass die Politik die Hilferufe von Künstlerinnen und Künstlern, Verbänden, Vereinen und vor allem der Landesmusikräte erhört und unbürokratische Hilfe für Solokünstler und Freischaffende angekündigt hat. Der finanziellen Not muss sofort begegnet werden! Und der Vorschlag des Deutschen Musikrats zu einem auf sechs Monate befristeten Grundeinkommen für Freischaffende ist aus meiner Sicht ein richtiger Ansatz. Veranstalter, die Konzerte absagen müssen, sollten schauen, ob Ausfallzahlungen an freischaffende Künstler, wenn irgend möglich, machbar sind und für Konzerte möglichst noch in diesem Jahr Alternativtermine anbieten und Perspektiven schaffen.

Und was kann jeder einzelne Musikliebhaber tun?

Felix Koch: CDs seiner Lieblingskünstler bestellen und hören, Spendenaufrufe der verschiedenen Institutionen zugunsten der freischaffenden Szene unterstützen oder im befreundeten Umfeld ganz konkret einzelnen Musikern unter die Arme greifen – das sind gesellschaftliche Aufgaben, an denen sich jeder beteiligen kann. Wir Künstler müssen auf der anderen Seite sicht- und hörbar bleiben und dazu beitragen, durch die Musik als wichtiges kulturelles Element die Gesellschaft in der Krise zusammenzuhalten. Dabei ist die Präsenz im Internet für die Kontakt- und Kommunikationspflege sehr wichtig. Mein Barockorchester Neumeyer Consort postet zum Beispiel, da es zurzeit alle Konzerte absagen musste, jetzt wöchentlich neue Live-Aufnahmen aus dem Konzertarchiv in den sozialen Medien. Somit halten wir Kontakt zu unserem Publikum.

Der Stadtmusiker ist also auch in der Krise für seine Mainzer da?

Felix Koch: Natürlich – und nicht nur für die: Vor Ostern gab es ein Live-Hauskonzert aus meinem Musikzimmer in Lörzweiler, bei dem ich zusammen mit meinem Partner und Cembalisten-Kollegen Markus Stein in einem Livestream Werke von Johann Sebastian Bach spielte und musikalisch erklärte. Auch weitere Beträge sind auf den Neumeyer-Consort-Kanälen von YouTube und Facebook zu sehen und zu hören.

Der Youtube-Kanal des Neumeyer-Consorts bietet aktuell Konzert- und Gesprächsmitschnitte, darunter die komplette Markus-Passion von Johann Sebastian Bach in rekonstruierter Fassung, die auch beim Label Christophorus auf CD erschienen ist: https://www.youtube.com/channel/UCpL0sZxcMvbFHfgDPT58jUw

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