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Michael Praetorius, Komponist und Protestant

Fast jeder kennt Michael Praetorius. Und zwar über das Weihnachtslied „Es ist ein Ros‘ entsprungen“. 1599 taucht es erstmals in einem katholischen Gesangbuch des Bistums Speyer auf. Der Komponist der Choralmelodie ist wie der Textdichter unbekannt. Den heute vertrauten, vierstimmigen Tonsatz schrieb 1609 dann Michael Praetorius, der am 15. Februar 1571 in Creuzburg bei Eisenach als Michael Schultheiß geboren wurde – andere Quellen sind sich über das genaue Datum allerdings im Unklaren. Am selben Tag des Jahres 1621 in Wolfenbüttel starb er, weswegen die Musikwelt heute nicht nur seines 450. Geburtstags, sondern auch seines 400. Todestags gedenkt.

Praetorius begann mit 14 Jahren in Frankfurt/Oder ein Theologie- und Philosophiestudium, mit 16 wurde er an der Universitätskirche St. Marien Organist. 1595 trat er in den Dienst des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel, eines der wichtigsten kunstliebenden protestantischen Fürsten seiner Zeit. Nach Stationen in Braunschweig und Lüneburg wurde er in Wolfenbüttel Hofkapellmeister und wirkte von 1613 bis 1616 auch am Dresdner Hof.

In seinem norddeutschen Wirkungskreis aber kam Musik aus allen Teilen Europas zusammen: aus England die Klangwelt der Consort-Musik für Streicher oder Flöten, aus Italien die Mehrchörigkeit. Derart reich inspiriert entwickelte Praetorius seinen eigenen Stil, wobei er auch mit dem Raum experimentierte, indem er Ensemblegruppen getrennt voneinander positionierte, was bis heute zu faszinierenden Klangerlebnissen führt. Durch den Import der italienischen Concerto-Praxis hatte er außerdem einen maßgeblichen Anteil an der Grundlage des barocken Generalbass-Stils, der die europäische Musik für rund 150 Jahre prägen sollte.

Praetorius war ein – aus heutiger Sich durchaus nachhaltiger – Vermittler des lutherischen Liedguts. So bildete die Choralbearbeitung einen Mittelpunkt seines kompositorischen Schaffens. Er widmete sich sämtlichen lateinischen und deutschen liturgischen Gesängen des lutherischen Gottesdienstes, die maßgebend für die evangelische Kirchenmusik des 17. Jahrhunderts wurden. Seine zwischen 1605 und 1610 in neun Teilen publizierte Sammlung „Musae Sioniae“ umfasst Lieder, Motetten und Konzerte in den verschiedensten Besetzungen. Neben diversen Orgelwerken existiert auch eine Sammlung von 312 Tänzen. Insgesamt schuf Praetorius mehr als 1700 Werke. Seine dreiteilige Schrift „Syntagma musicum“ ist ein Kompendium für Instrumentenkunde, Orgelbau, Kompositions- und Musikpraxis sowie ein Lexikon musikalischer Fachbegriffe in Deutschland um 1600 und gilt noch heute als „Bibel der Instrumentenmacher“.

Der Bremer Musikprofessor Manfred Cordes, der mit seinem Ensemble Weser-Renaissance zahlreiche Werke Praetorius‘ eingespielt hat, nennt ihn hochachtungsvoll einen „kompletten Musiker“. Ihn fasziniert neben der Vielfalt der Klänge, die das Instrumentarium jener Zeit erlaubt, die Flexibilität, die Praetorius anbietet, um seine Werke in unterschiedlichster Stimmenzahl, Besetzung und Formationen den jeweils lokalen Möglichkeiten anzupassen.

Den heutigen doppelten Jahrestag sieht Cordes denn auch als willkommenen Anlass, sich mit der im gängigen Konzertrepertoire ja eher vernachlässigten Epoche näher zu befassen: „Die klanglichen Reize des historischen Instrumentariums sind auch für den heutigen Hörer unmittelbar erlebbar. Natürlich sind uns die den Werken oft zugrunde liegenden protestantischen Melodien nicht mehr so vertraut, wie wir es für die Zeit um 1600 bei jedem Hörer unbedingt voraussetzen können. Doch die fantasievolle Art und Weise, auf die diese Melodien durch Praetorius ‚verarbeitet‘ werden, offenbaren eine Meisterschaft, die vor allem auch uns Musiker staunen lässt.“

Zurück zum Kirchenlied „Es ist ein Ros‘ entsprungen“, dem sich Praetorius nicht nur musikalisch widmete: Als Protestant war ihm die Marienverehrung der katholischen Kirche fremd, weswegen er auch wenig mit der Exegese anfangen konnte, nach dem der Prophet Jesaja (Jesse) die besungene Wurzel war, die Jungfrau Maria das „Röslein“ und das Jesuskind das knospende „Blümelein“. Praetorius dichtete die zweite Strophe um: Hier hat Maria das Röslein gebracht – und ist es nicht, wie im Original, selbst. Weitere Strophen verfasste dann 1844 der Hymnologe Friedrich Layriz (1808-1859), worin er ebenfalls darauf hindeutet, dass das Jesuskind das besungene „Röslein“ sei. Kein Wunder: Layriz war nicht nur bedeutender Erforscher des lutherischen Liedguts, sondern wie Michael Praetorius eben auch Protestant.

Das von Manfred Cordes geleitete Ensemble Weser Renaissance hat unter anderem zwei interessante und stilistisch sehr unterschiedliche CDs mit Werken von Michael Praetorius aufgenommen: die Ostermesse und lutherische Choralkonzerte (beides cpo/jpc). Eine reizvolle Gegenüberstellung von Choralbearbeitungen durch Praetorius und Bach bietet „PraeBACHtorius“ mit dem Huelgas Ensemble unter Paul van Nevel (dhm).

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