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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Singen als Grundlage aller Musik

Klaus Mertens hat das gesamte Vokalwerk Bachs sowie Buxtehudes für CD eingesungen. Eine Vorliebe des vielseitigen Sängers gilt aber auch einem anderen Komponisten: Georg Philipp Telemann, dessen 250. Todestag die Musikwelt am 25. Juni gedenkt. 2016 erhielt Mertens den Georg-Philipp-Telemann-Preis der Landeshauptstadt Magdeburg.

Herr Mertens, wann haben Sie Telemann für sich entdeckt?

Als mein Musiklehrer mit uns in der Mittelstufe des Gymnasiums die sehr humorvolle „Schulmeister-Kantate“ aufführte; seither weckte dieser Komponist mein Interesse. Vermutlich ermöglichten mir Telemanns Farbigkeit, sein Ideenreichtum und die bis ins hohe Alter anhaltende Frische seiner Kompositionsweise einen leichten Zugang zu seiner Musik.

Was hoffentlich auch andere Zuhörer erleben können. Natürlich waren und sind gerade im Gedenkjahr zahlreiche Konzerte mit Telemann-Werken zu hören. Was gibt es hier zu entdecken?

Mein Rat: Öffnen Sie Ihr Ohr für diesen großartigen und leider noch zu wenig beachteten Komponisten. Sie werden staunen! Angesichts der Fülle und Qualität seiner Musik ist es natürlich schier unmöglich, einzelne Werke zu empfehlen. Sehr einfallsreich und für viele Gelegenheiten verwendbar sind aber sicherlich seine Lieder und Oden, köstlich die „Singe-, Spiel-, und Generalbassübungen“, überraschend seine Opern wie „Emma und Eginhard“ oder „Flavius Bertaridus“. Ein absolut zu Herzen gehendes Passions-Oratorium ist der „Tod Jesu“, sehr witzig hingegen weltliche Kantaten wie etwa die „Trauermusik eines kunsterfahrenen Canarienvogels“. Und zum Staunen schön ist seine berühmte „Tafelmusik“. Es war Telemanns Anliegen, dass große Teile seiner Musik auch Laienmusikern für die damals so beliebten Hausmusiken und Hausandachten zugänglich gemacht wurden.

Telemann sieht im Singen die Grundlage aller Musik. Stimmen Sie dem zu?

Hier spricht er nur aus, was bis auf den heutigen Tag für jeden Musiker – ob Komponist oder Interpret – selbstverständlich sein sollte: Im besten Fall „singt“ auch der durch sein Instrument.

Was ist bei Telemann anders als beispielsweise bei Bach oder Händel?

Bach fasziniert uns zumeist mit seiner unglaublich wertvollen, tiefgründigen geistlichen Kirchenmusik sowie seinen extrem geistvollen Instrumentalwerken, während Händel seinen Fokus neben herrlichen, geistlichen und instrumentalen Werken auf Oper und Oratorium legte. Der damals bekannteste deutsche Komponist aber war Telemann, der – zu dieser Zeit einmalig! – seiner Musik wegen nach Paris eingeladen und auch dort gefeiert wurde. Er deckt mit seinem kompositorischen Können alles ab: vom Lied über geistliche wie weltliche (insgesamt mehr als 1300!) Kantaten, Oratorien, Opern, Gelegenheitsmusiken und schönste sowie äußerst farbige Instrumentalmusik. Es ist eine derartige Fülle, dass mehrere Musikwissenschaftler noch Jahre damit beschäftigt sein werden, ein Werkverzeichnis seiner Musik zu erstellen. Daneben war Telemann Verleger, Herausgeber des ersten protestantischen Gesangbuches und des ersten Musikmagazins für Abonnenten, außerdem Stecher eigener Notenausgaben und Textdichter. Obendrein war er ein äußerst sympathischer Zeitgenosse und – falls dies damals schon möglich gewesen wäre – ein vorbildlicher und weltoffener Europäer.

Gibt es etwas, das Sie von Telemann gelernt haben und jetzt bei der Gestaltung von Werken anderer Komponisten und Epochen gewinnbringend umsetzen können?

Für mich ist es, bei aller Seriosität, die stetige Aufforderung zur Freude am musikalischen Tun, an der Musik überhaupt, die sich uns Interpreten wie auch den Zuhörern in Telemanns Musik stets zugleich mitteilt – und die es im Grunde auf alle Musik zu übertragen gilt.

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