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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Die Kraft des Ursprünglichen: „I Muvrini“ auf „Terra Humana“-Tour in der Mainzer Christuskirche

MAINZ – „I Muvrini“ sind kleine Wildschafe, die auf den Weiden Korsikas grasen. Und sicherlich haben sich die Brüder Alain und Jean-François Bernardini, die das Herz der neunköpfigen Gruppe bilden, diesen Namen nicht von ungefähr gegeben: Ihre Musik ist ebenso wild und ursprünglich wie das Land, als dessen inoffizielle und daher umso glaubwürdigere Kulturbotschafter sie die europäischen Nachbarlande bereisen.

Korsika steht für einen legendären Lokalpatriotismus und die Brüder Bernardini sind nicht nur dem Pass nach Korsen: Ihr Glaube an die Ideale der Liebe, von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit ist von einer ähnlichen Tiefe wie die schroffen korsischen Schluchten.

Hiervon und von einer ebenso tiefen Religiosität, die jedoch nie plakativ oder missionarisch verstanden, sondern stets nur intensiv in Klängen ausgelebt einer mitreißenden und überzeugenden Predigt gleich intoniert wird, zeugen die Gesänge von „I Muvrini“. Nicht umsonst trägt die aktuelle Tour durch Deutschland, Frankreich, Belgien und die Schweiz den schlichten Namen „Terra Humana“.

Die Musik von „I Muvrini“ hat etwas Besonderes: „Paghjella“ heißt der polyphone Gesang von Männerstimmen in der traditionellen korsischen Volksmusik: Die mittlere Stimme trägt dabei die Melodie, die tiefere begleitet, die höchste Stimme singt die Koloratur. Und man kann sich kaum satt hören an diesen Gesängen, die mal an das Rufen eines Muezzin erinnern und dann wieder in vielschichtigen Chorgesang gregorianischer Prägung münden.

Die französischen, korsischen und mitunter kirchenlateinischen Texte werden dabei bewusst mit den polyphonen Vokalisen vermischt, denen eine changierende Dynamik, der berauschende Reichtum an Melismen und nicht zuletzt die Stimmpräsenz der Bernardini-Brüder ihre Intensität verleihen.

Volksmusik also? Ja und nein, denn mit Folklore ist die Musik der Bernadini-Brüdern nur unzureichend beschrieben: Wie das Korsische, jenes eigenwillige Idiom, lassen sich auch die Lieder von „I Muvrini“ in keine Schublade stecken: Die herrlichen Polyphonien, die die Musiker aus voller Kehle und, ja: aus vollem Herzen intonieren, haben einen ganz eigenen Charakter, dessen Heimat überall und nirgends ist und der sich dem Zuhörer daher unmittelbar und eingängig erschließt.

Diese Musik geht einem unter die Haut und hallt noch lange in einem nach. Auch die auf korsisch erzählten und übersetzten Bilder und Geschichten hört man in diesem Konzert mit anderen, offeneren Ohren.

Untermalt und begleitet von Instrumenten wie Geige, Bass, Dudelsack oder Schlagzeug sowie synthetischen Klängen, die hier jedoch nie fehl am Platz wirken, sondern das Sphärische der Lieder unterstreichen, vermag „I Muvrini“ ein Spektrum an Klangfarben zu erschaffen, das man in der Folklore wie in der klassischen Polyphonie vergebens sucht.

Die Melange von Überfluss und Kargheit, von weichem Klang und stampfendem Rhythmus, von Tönen und Stille ist es, die hier den Reiz ausmacht – womit man im übertragenen Sinn wieder an der korsischen Küste angekommen ist.

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