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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Perlen der Vokalmusik mit dem Kammerchor Stuttgart

Es stimmt schon ein wenig nachdenklich, wenn das Kirchenschiff der Mainzer Christuskirche anlässlich des Konzerts mit dem Kammerchor Stuttgart an einem Freitagabend nur zu einem knappen Viertel gefüllt ist – von der gähnend leeren Empore ganz zu schweigen: Kann man mit einem klassischen Vokalrepertoire denn keinen Zuhörer mehr anlocken? Dabei war das Programm dieses Spitzenchores mit bekannten und seltener zu hörenden Perlen der Chormusik geradezu gespickt.

Zugegeben: Der Anfang mit den Psalmen „Aus der Tiefe ruf’ ich, Herr, zu Dir“ und „An den Wasser zu Babel“ von Heinrich Schütz (1585-1672) und Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Motette „Komm, Jesu, komm“ fiel erstaunlich blass und eintönig aus. Wie mit angezogener Handbremse manövrierte Frieder Bernius sein klein besetztes Ensemble durch die Werke, von denen leider eines wie das andere klang. Der Vers „Ich harre des Herrn“ in SV 25 mutete nicht sehr erwartungsfroh an und auch das „Heulen“ in SW 37, eine Stelle, die nach ein bisschen Romantik geradezu schreit, wurde nicht entsprechend umgesetzt.

So etwas überrascht, hatte der renommierte Dirigent doch gerade mit diesen Stimmen ein flexibles und klangschönes Instrument zur Hand hatte, das allerdings erst im zweiten Teil so recht zum Einsatz kommen sollte. Denn auch die drei- bis 16-stimmige „Missa brevis“ von Carl Friedrich Fasch (1736-1800) litt unter dem schleppenden Tempo und einer Aufstellung im Halbrund, was den Klang an vielen Stellen auseinander treiben ließ, zumal der Dirigent belebende Extreme in Tempo und Dynamik allgemein vermied. Lichtblick waren hier allerdings die Sätze mit Soprano und Tenore concertante und Chor, wobei besonders das „Laudamus“ von Sarah Wegener bestechend schön geriet.

Doch ohne Höhepunkt war die erste Konzerthälfte nicht: In fünf Chöre separiert und entsprechend im Kirchenraum verteilt sang der Klangkörper sozusagen in Dolby surround das meditative „Immortal Bach“ des norwegischen Komponisten Knut Nystedt (*1915), der den Choral „Komm, süßer Tod“ nach und nach durch verschieden lang ausgehaltene Töne und Akkorde in Cluster von bizarrer Schönheit auffächert. Nur am Schluss einer jeden Phrase wird die Fläche zum eigentlichen Akkord zurückgeführt, um sich im nächsten Vers wieder neu zu entwickeln.

Wer ob der Interpretation der „Klassiker“ zu Beginn etwas enttäuscht war, den entschädigten Bernius und der Kammerchor Stuttgart mit Werken von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) und Gustav Mahler (1860-1911) im zweiten Part dann doch um ein Vielfaches: Ein wunderbar flächiges „Jube dom’ne“, ein effektreiches und deklamatorisch akzentuiertes „Warum toben die Heiden“ und das in inniger Geschmeidigkeit berückend schön gesungene „Denn er hat seinen Engeln“ führten den Zuhörer zu den von Clytus Gottwald bearbeiteten Mahlerkompositionen „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, „Die zwei blauen Augen“ sowie „Scheiden und Meiden“.

Hier erschuf Bernius mit nur wenigen Stimmen einen äußerst profunden Klang, der letztendlich denn doch keinen Zweifel daran ließ, dass der Musikfreund, der nicht gekommen war, nun wirklich etwas verpasst hat.

Eine unterhaltsame Fußnote dabei ist, dass der Bachchor Mainz, der in der Christuskirche ja seine Heimstatt hat, das Werk „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ hier erst im Frühjahr in großer Besetzung gesungen hat, obwohl gerade solche Stücke doch eher zu den kaum aufgeführten Schätzen der Chormusik gehören. Schade, dass man die beiden Ensembles mit eben diesem Werk nicht im Vergleich hören konnte – obwohl die Mitglieder des Mainzer Chores doch recht zahlreich im Publikum vertreten waren…

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