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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Hauptsache Wind“ oder wie sich Wolfgang Nitschke durch Lesen den Magen verdirbt

Der Bestsellerfresser hat wieder zugeschlagen: Wolfgang Nitschke, der Reich-Ranitzky des deutschen Kabaretts, konsumiert Gedrucktes wie andere Leute Zigaretten oder Schokoriegel. Kein Wunder, dass er sich an der Druckerschwärze den Magen verdirbt, wobei die Tinte hier eher unschuldig ist. Verursacher der Krämpfe sind die Autoren, die ihren Rezipienten derart piesacken, dass er sich in einem galligen Wortschwall übergeben muss.

Es geht los mit den unzähligen wie zotigen Umschreibungen für das Wort Geschlechtsverkehr, die sich in einem Erguss von Désirée Nick in „Gibt es ein Leben nach vierzig?“ finden: „Um mein Leben zu verstehen, müssen Sie in meinem Namen nur einen Buchstaben austauschen“, zitiert Nitschke, wofür er stets gut sichtbar mit den Fingern einer Schwurhand gleich die An- und Abführungsstriche in die Luft zeichnet: Steht alles so da wie vorgelesen.

Auch im neuen Programm „Hauptsache Wind“ bleibt keiner von den Schmähtiraden und wohlfeilen Beleidigungen des Kabarettisten verschont, Günter Grass’ Zwiebelhäutung nicht und auch nicht Hape Kerkelings spirituelle Reise auf dem Jakobsweg: „Selten hat ein Buchtitel den Geisteszustand seines Autors besser beschrieben“, goutiert Nitschke die Worte „Ich bin dann mal weg“.

Weiter geht’s mit Reinhold Messners „Gobi – die Wüste in mir“, auf dessen 256 Seiten Nitschke 4.028 mal das Wort „Ich“ gezählt hat, einem Bildband über den Dalai Lama, oder Peter Hahnes Erbauungsliteratur, deren Titel-Konvolut gnadenlos heruntergebetet wird: „Ich mache so lange weiter, bis jemand Aua schreit.“ Wie bei den vorangegangenen Delinquenten zitiert Nitschke hier einige „Bonmots“, nach denen der ZDF-Mann „Bibeltreue und Christusfreude statt Multikulti“ predigt.

Dass hier manchem Autor mit dieser negativen Selektion vielleicht Unrecht getan wird, nimmt der Zuhörer ob der Absurdität und unfreiwilligen Komik solcher Zitate gerne in Kauf.

Doch manchmal bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken – und zwar mit voller Absicht. Spätestes bei der Koran-Lesung traut man seinen Ohren nicht: Frauenfeindlichkeit und der Aufruf zur Gewalt gegen das weibliche Geschlecht fordern hier aufgrund von „schlechtem Charakter und schwachem Verstand Milde und straffe Zucht“.

Das Schlimme sind nicht die vorgetragenen, Jahrtausende alten Suren, sondern das Vorwort, in dem ein Dr. Inamullah Khan als Generalsekretär des Islamischen Weltkongresses die Übersetzung ins Deutsche als Leitfaden für hier lebende junge Muslime lobt. Die Aufforderung, in der Pause etwas Alkoholisches zu trinken, war offenbar nicht nur so dahingesagt…

Doch bevor man im Schrecken erstarrt, trägt der Bestsellerfresser aus seinem Tagebuch Gedanken rund um Roland Koch, Jopi Heesters, Bischof Mixa oder Eisbär Knut, um Worte und Werke von Würdenträgern und Wertewächtern vor.

Hier werden neben der scharfe Zunge auch die Begabung in puncto Vortrag, Diktion, Dynamik und Intonation deutlich: Schon allein durch das Wie der Verbalinjurien wird das Was hörenswert. Und wenn Wolfgang Nitschke die tägliche „Post von Wagner“ aus der Bild-Zeitung verliest, dann schreit das eigentlich nach einem neuen Hörbuch…

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