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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Faszinierende Welt der Eisriesen von Werfen

Wer schon mal einen Gletscher „live“ erlebt hat, ist beeindruckt von der mächtigen Erscheinung dieser Monumente aus gefrorenem Wasser. Nicht anders ergeht es den Besuchern der „Eisriesenwelt“ im österreichischen Werfen. 55 Kilometer von Salzburg entfernt liegt auf exakt 1.641 Metern Höhe über dem Meeresspiegel der Eingang zur größten Eishöhle der Erde, die ihren Erkundern ein ergreifendes Naturschauspiel bietet.

Über 40 Kilometer erstreckt sich durch das Kalkmassiv des Tennengebirges ein Höhlensystem und offenbart einzigartige Naturphänomene: Durch das Eindringen kalter Luft in den Wintermonaten sinken in den tiefer gelegenen Regionen der Höhle die Temperaturen derart, dass das im Frühjahr einsickernde Schmelzwasser gefriert. Dadurch entstehen gigantische Eisfiguren, deren Form nicht von Menschenhand, sondern einzig von der Kraft der Natur gestaltet wird.

Besucher können die Höhle unter fachkundiger Anleitung von Mai bis Oktober besichtigen, wobei sie eine Strecke von einem Kilometer zurücklegen, während der man über 400 Treppenstufen und damit 134 Höhenmeter zu bezwingen hat. Die engagierten Führer vermitteln während der etwa 75-minütigen Führung kurzweilige Informationen zum wissenschaftlichen Hintergrund und zur Historie der „Eisriesenwelt“.

Bevor man den Höhleneingang erreicht, muss man jedoch das Besucherzentrum passieren, um sich sein Ticket zu besorgen. Zu Fuß geht es vom Parkplatz vor dem Zentrum rund 20 Minuten lang bergauf bis zur Wimmer-Hütte, von wo man zum in 1.575 Metern Höhe gelegenen Dr. Oedl-Haus aufbricht – die 495 vor einem liegenden Höhenmeter kann man per Seilbahn oder weiter per pedes bezwingen; die bequeme Variante dauert drei, die sportlich-alpine Herausforderung etwa 90 Minuten. Noch einmal eine Viertelstunde Fußweg führt den Besucher dann zum Eingang der „Eisriesenwelt“.

Hier empfangen die Führer ihre Gäste und rüsten sie mit Karbid-Lampen aus. Sie gehen voran und sorgen an verschiedenen Stationen mit grellem Magnesiumlicht, das die Eisskulpturen effektvoll illuminiert, für packende optische Erlebnisse. Diese muss man allerdings im Gedächtnis behalten, wenn man sich im Besucherzentrum nicht mit Postkarten oder offiziellen Bildern eindecken möchte: Aus organisatorischen Gründen ist das Filmen und Fotografieren im Höhleninneren nicht erlaubt – und während des Rundgangs sieht man diese Maßnahme rasch ein: Aufgrund der hohen Frequenz, in der die einzelnen Gruppen durch die unter Denkmalschutz stehende „Eisriesenwelt“ geführt werden, entstünden unweigerlich Staus, wollte jeder sein persönliches Motiv auswählen. Außerdem würde das anhaltende Blitzlichtgewitter den stimmungsvollen Rundgang im Dämmerlicht der Karbidlampen empfindlich stören.

Bevor man die Höhle betritt, sollte man sich übrigens versichern, warm genug angezogen zu sein: Voraussetzung sind aus gutem Grund festes Schuhwerk und entsprechende Kleidung, denn auch in den Sommermonaten herrscht in der Höhle eine Temperatur von unter null Grad Celsius, so dass sich Mütze und Handschuhe durchaus das ganze Jahr über empfehlen. Den Besucher empfängt dabei ein kalter Hauch mit mächtiger Kraft: Bis zu 100 Stundenkilometer erreicht der Luftzug am Höheneingang. Denn bei der „Eisriesenwelt“ handelt es sich um eine dynamische Eishöhle: Höhlengänge und Klüfte stellen eine Verbindung von tiefer zu höher gelegenen Öffnungen da, die einen Luftzug vergleichbar dem eines Kamins erzeugen. Das bedingt die sommerliche Abkühlung des unteren Höhlenbereichs auf Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes, was wiederum zur Bildung der Eisformationen aus dem im Frühjahr in die höheren Regionen eingedrungenen Schmelzwassers führt.

Schon nach wenigen Stufen steht man vor der ersten Eissäule, wenig später betritt man den nach Alexander von Mörk, dem Begründer der Salzburger Höhlenforschung, benannten „Mörkdom“. Der Forscher folgte Anfang des 20. Jahrhunderts den Spuren seines Kollegen Anton von Posselt-Czorich, der 1879 rund 200 Meter ins Dunkel der Höhle vordrang und somit die „Eisriesenwelt“ offiziell entdeckte. Von Mörk erschloss sie weiter – seine sterblichen Überreste sind im „Mörkdom“ beigesetzt.

Weiter geht es bergan und schnell vergisst man den recht hohen Eintrittspreis, denn jeder Cent ist eine Investition in ein einzigartiges Spektakel! Man bestaunt große, in die Höhe strebende Eisskulpturen, Stalagmiten und Stalaktiten, steht gebannt vor einem Gebilde, das einst tatsächlich wie ein Elefant aussah und sich nun wie von Geisterhand verändert; man durchschreitet eisige Räume, die wie Kirchenschiffe anmuten und der eigene Blick verliert sich in der Höhe, während die Wände und der Boden mit einer dicken Eisschicht bedeckt sind.

Die Stege, über die die Besucher ihren Weg durch die Höhle zurücklegen, werden jährlich freigehalten – ansonsten würden auch sie irgendwann Raub des gefrorenen Wassers. Das Magnesiumlicht des Führers taucht die verschiedenen Stationen in faszinierendes Irrlicht und angesichts der Information, dass die ältesten Eisschichten der alpinen Eishöhlen und damit auch der „Eisriesenwelt“ etwa tausend Jahre alt sind, bekommt man eine Ahnung von der eigenen Endlichkeit…

Informationen zur „Eisriesenwelt Werfen“ gibt es im Internet unter http://www.eisriesenwelt.at. Höhlen- und Seilbahnbetrieb täglich vom 1. Mai bis zum 26. Oktober; Öffnungszeiten von 9 bis 15.30 Uhr (letzte Führung im Juli und August um 16.30 Uhr); für den Besuch sollte man rund drei Stunden einplanen; die Eintrittspreise betragen für die Seilbahnbenutzung und den Höhlenbesuch 20 Euro für Erwachsene (ermäßigt: 18 Euro, Kinder: 10 Euro).

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