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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Zwischen Mittelalter und Veggie-Day

Die britische Tragikomödie „Brügge sehen und sterben“ erzählt nicht nur eine schwarzhumorige Geschichte um zwei Auftragskiller, sondern lädt durch wunderbare Stadtaufnahmen dazu ein, dieses „Klein-Venedig“ Belgiens mal zu besuchen. Was der Film leider verschweigt, sind die Touristenmassen, die sich nahezu tagtäglich durch das mittelalterliche Städtchen schieben – Rothenburg ob der Tauber lässt grüßen (und ist hier sogar mit einem Käthe Wohlfahrt-Geschäft vertreten).

Nur rund 45 Kilometer entfernt liegt Gent – ebenfalls mit viel historischer Bausubstanz, doch viel großzügiger in der Anlage. Und längst nicht so überlaufen. Bevor man das Zeitliche segnet, sollte man also lieber die Hauptstadt der Provinz Ostflandern besuchen. Ein verlängertes Wochenende reicht vollkommen, um Gent kennen- und lieben zu lernen.

Als Übernachtungsmöglichkeiten bieten sich neben traditionellen Hotels liebevoll betriebene und geschmackvoll eingerichtete Bed & Breakfast-Herbergen an. Viele liegen zentral in der Innenstadt – perfekter Ausgangspunkt für entspannte Tagesausflüge. Da alles fußläufig oder mit Bus und Bahn zu erreichen ist, kann man auf das Auto verzichten – an vielen Stellen übrigens ein Muss: Die Innenstadt von Gent ist dank vieler Fußgängerzonen so gut wie autofrei.

Der erste Gang sollte zur exzellent ausgestatteten Tourismus-Zentrale führen. Hier wird man zuvorkommend beraten und kann sich mit Stadtplänen und kleinen Führern in vielen Sprachen ausrüsten. Faszinierend ist vor allem der von Arne Quinze entwickelte hochtechnologische Designtisch, auf dem man sich auf dem digitalen Surfbrett Informationen für seinen persönlichen Rundgang holen kann.

In direkter Nähe liegt die imposante Grafenburg, 1180 erbaut und reich ausgestattet – mit Daumenschrauben, Verlies und Fallbeil (seit 1861 außer Dienst). Nahe dem Alten Fischmarkt überquert man die Lieve, ein im 13. Jahrhundert angelegter Kanal als Verbindung zur Nordsee. Hier lockt eine Straße mit zahlreichen Antiquitätenläden, dort laden zahlreiche Restaurants zum Dinieren ein, Nippesläden und Stoffgeschäfte – Gent kam in früheren Zeiten durch den Tuchhandel zu großem Wohlstand.

Der ist an vielen Orten zu sehen – nicht nur dort, wo mittelalterliche Bauten stolz den Jahrhunderten trotzen, sondern auch, wo man ihnen moderne Architektur elegant und ansprechend zur Seite gestellt hat. Ein architektonisches Highlight ist zweifelsohne die offene Stadthalle – einzigartig mit Dachgauben und mittelalterlichen Stufengiebeln, wo Konzerte, Tanzvorführungen und Märkte stattfinden.

Wer Gent von oben sehen will, braucht nicht in die Luft zu gehen: Auf dem Belfried wacht ein Drache über die Einwohner und ihre Gäste, die von hier aus nach entspannter Liftfahrt einen grandiosen Überblick über die Stadt haben. Als Pendant zum profanen Turm zeigt die St.-Bavo-Kathedrale sakrale Pracht – vor allem den Genter Altar mit der Anbetung des Lamm Gottes der Gebrüder van Eyck. Das Original aus dem 15. Jahrhundert wird schrittweise restauriert, ist größtenteils jedoch weiterhin zu besichtigen – bis auf eine Tafel, die 1934 gestohlen wurde und bisher nicht wieder aufgetaucht ist.

Auch Gent könnte für sich den Titel „Venedig Belgiens“ beanspruchen: Zahlreiche Kanäle durchziehen die Stadt, die im Zweiten Weltkrieg von Bombenangriffen weitestgehend verschont wurde. Wer die Möglichkeit hat, die mittelalterliche „Skyline“ vom Wasser aus zu besichtigen, sollte diese unbedingt nutzen, da man hier einen ganz anderen Blickwinkel auf die Stadt bekommt.

Um etwas über die spannende Geschichte von Gent zu erfahren, muss man keinen Reiseführer studieren, sondern sollte das Stadtmuseum STAM besuchen. Untergebracht in altem und neuem Gemäuer lädt es schon rein optisch zu einem faszinierenden und kurzweiligen Rundgang durch die Zeit ein – besser kann man Historie nicht aufbereiten. Und Gent, Geburtsort von Kaiser Karl V., hat viel zu erzählen. Die Geschichte der Stadt verfolgt einen unaufdringlich auf Schritt auf Tritt – ob in Kirchen, Museen oder im Großen Beginenhof St. Elisabeth, heute Wohnquartier unweit der Innenstadt, aber noch immer ein faszinierender Ort der Ruhe.

Den Tag beschließt man am besten in einem der zahlreichen Restaurants. Für Vegetarier und Veganer ist Gent übrigens ein kleines Mekka: Seit 2009 erprobt die Stadt jeden Donnerstag erfolgreich den Veggie-Day. Hier gibt es die meisten vegetarischen Restaurants des Landes und ein eigener Faltprospekt führt zahlreiche Speisetempel auf, die für großes und kleines Geld mindestens ein fleischfreies Gericht auf der Karte haben.

Diese kulinarische Vielfalt resultiert aus der hohen Studentenanzahl – mehr als ein Viertel der 250.000 Einwohner besuchen die örtlichen Hochschulen – und aus dem Zuzug anderer Nationalitäten. All das macht Gent zu einer multikulturellen Stadt – nicht nur mit Vergangenheit, sondern auch mit Zukunft.

[Fotos: Susanne Auhl]

Visit Gent – Tourismuszentrale
Slint-Veerleplein 5
9000 Gent
Telefon: 0032 92 66 56 60
(Öffnungszeiten: 15. März bis 14. Oktober von 9.30 bis 18.30 Uhr, 15. Oktober bis 14. März von 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr)
http://www.visitgent.be/de/home

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