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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Kratzig und unberechenbar

MAINZ (19. November 2012). „Ruhe, das muss klappen!“, schnarrt die herrische Stimme von Annamateur alias Anna Maria Scholz durch das Unterhaus: „Ich mache das hier doch nicht für mich!“ Nein, ihre großartige, ganz eigenwillige Kleinkunst macht sie für ihr Publikum, das sich an diesem Abend bestens amüsiert. Und spurt: „Du musst lernen, Dich zu konzentrieren.“ Oder: „Es tut mir nur leid für diejenigen, die was mitbekommen möchten.“

Innerlich sitzt man mit durchgedrücktem Rücken auf der Stuhlkante – äußerlich hält man sich den Bauch vor Lachen: Mit dem neuen Programm „Screamshots“ präsentieren „Annamateur und Außensaiter“ wieder ein Musterbeispiel wohl geordneter Anarchie.

Zum Einsatz kommt an diesem Abend ein Overhead-Projektor: Mit diesem an(n)achronistischen Utensil zaubert Annamateur so manche Karikatur auf die Leinwand. Da wird motivationstrainierend nach Zahlen gemalt und – „Ruhe! Das kann nicht alles Spaß machen, da kann man sich nicht immer alles aussuchen!“ – nebenbei Lebenshilfe geleistet: „Ihr wisst dann später, wo Ihr in Eurem Hartz IV-Antrag das Kreuzchen machen müsst.“

Annamateur ist kratzig und unberechenbar: Eben noch macht sie mit „Himpelchen & Pimpelchen“ Lockerungsübungen für die Hände und einen Augenblick später steht das Pfundsweib im BH da. Auf das Abwerfen der Kleidung folgt ein Seelenstriptease, der in der Seelenverwandtschaft mit einem Streifenhemd in der ersten Reihe endet. In so einer Künstlerin müssen mehrere Seelen wohnen, denkt man sich noch, als auf der in blutrotes Scheinwerferlicht getauchten Bühne der Song einer schizophrenen Selbst-Stalkerin ertönt, die ihrem Nachsteller nachweint: eine akustische Geisterbahnfahrt mit Biss!

Doch hinter dem bizarren Klamauk stehen auch Statements: Gerade dieser Tage, in denen der bange Blick sich Richtung Naher Osten wendet, trifft der in Echtzeit erstellte Comicstrip über das Hochrüsten ins Schwarze – Mord und Totschlag, weil einer dem anderen ans Bein pinkelte. Eine andere wild auf die Folie gekritzelte Figur symbolisiert den Operationswahn für angebliche Schönheitskorrekturen, was für die selbstbewusste Annamateur natürlich ein gefundenes Fressen ist, in das sie ihre scharfen Zähne hauen kann.

Begleitet wird die Sängerin mit der blutvollen Stimme wie stets von ihren zwei exzellenten „Außensaitern“: Kim Efert an der Gitarre und Christoph Schenker am Violoncello, denen sie eine Komposition in die Saiten diktiert und die ihre Nummern hochvirtuos mit Funk und Jazz beschallen.

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