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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Blick über den Tellerrand

MAINZ (18. Oktober 2012). Die Kabarettbühne ist der richtige Platz, um es den Mächtigen heimzuzahlen – zumindest verbal. Normalerweise steht bei dieser Rechnung unterm Strich die Aufforderung, selber nachzudenken – umso besser, wenn dieser Apell länger nachwirkt. Eine Künstlerin, die ihr Handwerk streng nach dieser Mathematik betreibt, ist Anny Hartmann. Im kleinen Unterhaus spielte sie jetzt ihr aktuelles Programm „Humor ist, wenn man trotzdem wählt!“.

Am Anfang holpert es ein bisschen, als die gebürtige Rheinländerin von ihrer Rückkehr aus der Hauptstadt nach Köln erzählt: „Ich habe mir gesagt, wenn ich es in Berlin schaffe, komme ich nie mehr zurück.“ Der Bart dieses Witzes ist so lang wie die Umzugsstrecke. Und auch der Ausflug in die Fußballwelt stottert. Dann doch lieber politisches Kabarett: „Sie werden sehen, die fünf Stunden vergehen wie im Flug.“ So lang wird es nicht, aber die Plaudertasche füllt auch kürzere Zeit und setzt Pointen mit Langzeitwirkung. Auf der einen Seite sind da „Kristina und Philipp“, die aus dem ministeriellen Kinderparadies abgeholt werden sollen, auf der anderen Seite die nüchterne Einsicht: „Wir haben sie halt gewählt.“

Aktuell knöpft sie sich „Mutti Merkel“ und Steinbrück vor, wobei die Witze über das Äußere der Kanzlerin, das von ihrer Politik ablenken solle, noch nicht genug am Lack kratzen. Das tut Hartmann dann, wenn sie daran erinnert, dass Deutschland Waffen in Krisengebiete sende und in puncto Familie, Rente und Arbeit ein Widerspruch den nächsten jage in dieser „großen Koalition der Weltfremden“. In den Augen der Kabarettistin stellen sich die Politiker stets selbst in Frage und wollen doch nurmehr gute Verkäufer sein: „Gegen die soziale Kälte gibt es ein warmes Mittagessen – und das Norovirus obendrauf.“

Die Schelte ist berechtigt. „Und nun?“, möchte man jetzt fragen – Hartmann wartet nicht lange mit der Antwort. Auch auf ihrer Website macht sie sich für das immer wieder diskutierte „bedingungslose Grundeinkommen“ stark und nutzt den Auftritt, um die Idee zu erläutern: 1500 Euro monatlich für jeden und wer arbeitet, verdient dazu? Hartmann war in ihrem früheren Leben Diplom-Volkswirtin der Kölner Sparkasse und weiß offensichtlich, wovon sie spricht. Interessanterweise entlarvt sie sofort: „Man fragt sich zuerst, wie das finanziert werden soll und nicht, was das Positives bringen könnte.“

Dann spricht sie von Menschen, die in ihrem Beruf unglücklich seien, krank und damit teurer würden, vom Faktor Existenzangst, den man durch Talente ersetzen könnte: „Man muss ja nicht nur von, sondern auch mit einem Job leben können.“ Hartmann führt Umfragen an, die belegen, dass 80 Prozent der Bevölkerung auch mit dem postulierten Grundeinkommen weiter arbeiten würden und man so brachliegendes Potenzial aufspüren und nutzen könnte. Unterm Strich bleibt an diesem Abend das Nachdenken.

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