Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Kleinkunst

Der spricht wie gedruckt

MAINZ (14. Oktober 2014). Als Axel Hacke die Bühne des Frankfurter Hofs betritt, hat er Bücher, Kladden und eine Lose-Blatt-Sammlung unter dem Arm – seine gesammelten Werke sozusagen. Aus ihnen wird er einen Abend lang vortragen: „Das Beste aus aller Welt“ heißt das Programm.

Und so lautet auch der Titel seiner Kolumnen, die er wöchentlich für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ schreibt. Im kommenden Jahr erscheint die tausendste. Viel Stoff also für nur eine Lesung. In ihr soll tatsächlich „das Beste“ vorkommen? Bei der brillanten und nonchalanten Fabulierkunst Hackes ist das ein hehres Ziel, wird doch alles, was dieser Autor sprachlich anfasst, wie einst beim sagenhaften König Midas zu goldenen Lettern.

Vorbereitet hat sich der Autor – angeblich – nicht, sondern blättert in seinen Konvoluten. Er wolle anfangs so richtig böse sein und dann immer netter werden. Aber traut man das diesem so gewinnend lächelnden Schreiber überhaupt zu?

Wenn, dann blitzt das Garstige zwischen den Zeilen auf: Im vergangenen Jahr verriss er den Schnulzenkönig Heino, dessen gecoverten Songs Hacke dazu animierte, sich die Texte originaler Lieder mal genauer anzuschauen. Er entdeckte ein „Sammelsurium aus Spießigkeit und schlechten Reimen“: Mag es für manchen schon schwer sein, die Musik des schwarz bebrillten Barden zu hören – ohne Ton ist es noch viel grausamer.

Nichts liegt Hacke ferner, den amtierenden russischen Präsidenten mit Hitler zu vergleichen, Aber auffällige Parallelen darf man ja wohl noch nennen: Beide waren Langschläfer, mitunter ein Zeichen der Adoleszenz. Ist Putin also in der Pubertät stecken geblieben? Ein schwer erziehbarer Jugendlicher? Und noch etwas hätten dieser und Hitler gemein: Der Russe gebrauche selten das Internet. Und Hitler habe es nie benutzt.

Man lauscht ihr einfach gerne, dieser sanften Sprechstimme, die einen in das Beschriebene hineinzieht, so dass man glaubt, Teil der Geschichte zu sein. Wenn Hacke aus seinem Buch „Fußballgefühle“ liest, hört sogar der größte Sportmuffel aufmerksam zu. Auf was für Gedanken dieser Mann kommt! Für ihn sind allein schon die Namen der Kicker Inspiration – wenn ein italienischer BVB-Stürmer Immobile heißt, von einem Lahm ganz zu schweigen. Aus über hundert Jahren Bundesliga findet er weitere Beispiele wie ein Trüffelschein den edlen Pilz.

Doch nicht nur die Ballistik wird zur Belletristik: Man hört von Speisekarten, die im Ausland per Übersetzungsprogramm ins Deutsche übertragen werden oder Skurriles wie die Information in einem früheren ADAC-Länderlexikon, das die Hühnerdichte eines jeden Staates aufführt und durch einen Druckfehler in Estland 66 Vögel pro Quadratmeter (oder über zwei Millionen Gockel pro Este) ortet.

Gerade dieser Text hatte übrigens einen großen Fan: den 2011 verstorbenen Loriot. An ihn erinnert auch Hackes großartige Kunst: Er sieht und hört ebenfalls genauer hin, gibt vermeintlich Unscheinbarem mit feinem Wortwitz plötzlich eine tragende Bedeutung. Axel Hacke ist zum Glück erst 58 Jahre alt.

zurück