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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Bittersüße Wahrheiten

MAINZ (26. September 2010). Meint eine Besucherin zur anderen: „Das ist schon starker Tobak, aber man hatte ja nichts anderes erwartet.“ Und die Angesprochene erwidert schlicht: „Er sagt die Wahrheit.“ Georg Schramm, bis vor kurzem noch Insasse der öffentlich-rechtlichen „Anstalt“, hat gut daran getan, die Fernseh- zugunsten der Bühnenpräsenz zu minimieren: Hier im Unterhaus präsentiert er sein neues Programm „Meister Yodas Ende“ und begeistert einmal mehr als einer der Besten, die das deutsche Kabarett zu bieten hat.

„Personaleinsparungen“ sind zum Glück kein Thema, zumal der forsche Oberstleutnant Sanftleben, der agile Rentner Dombrowski und der wackere Sozialdemokrat August ein rasantes Trio infernale bilden, mit denen Schramm seinem Ärger stets passend Luft machen kann. Dass dabei Namen wie Sarrazin oder Ackermann nur am äußersten Rand vorkommen, zeigt, wie gewitzt der Kabarettist das Stilmittel der Nichtbeachtung als Element einsetzt.

Stattdessen sorgt sich August um seine Genossen: „Die Nahles sollte zurück in die Eifel gehen, dahin, wo es dunkel ist und man sie weder sieht, noch hört – man muss auch an die Partei denken.“ Soldat Sanftleben zeigt der Kanzlerin mit dem ausgerufenen Verteidigungsfall die Möglichkeit auf, bis zum Kriegsende die Wahlen auszusetzen und Lothar Dombrowski sinniert – wie immer messerscharf – über die Habgier, wobei er seinen heiligen Zorn Richtung Kabinett schleudert: „Was ist das Böse? Die Regierung? Merkel und Westerwelle sind höchstens Furunkel an dessen Gesäß!“ Der donnernde Applaus, den Schramm für seine Kommentare erntet, zeigt, dass er den Nerv seines Publikums punktgenau trifft, wenn er mit seinen Kausalketten rasselt.

Wie kaum ein anderer versteht dieser Künstler es, mit der Stimmung zu jonglieren: Gerade noch amüsiert sich das Publikum wie toll über eine scharfzüngige Pointe, doch nach einem brisanten Themenwechsel in Richtung Krieg, Flüchtlinge, Altern oder Demenz ist es plötzlich so still im Unterhaus, dass man eine Stecknadel selbst dann hörte, fiele sie auf einen Wattebausch. Doch elegant wie ein Drachenflieger reißt Schramm durch einen Schwenk die Laune wieder hoch und zieht weiter seine Kreise hoch über dem „Brackwasser der Beliebigkeit“.

„Das musste mal gesagt werden!“, hallt es wie ein Donner von der Bühne: Wo „Meister Yoda“ im Film „Krieg der Sterne“ nur mit Phrasen gegen das Böse kämpft, haben Dombrowski, Sanftleben und August den Geist in allen Schattierungen auf ihrer Seite. Und während „Politiker mit Vorsatz die Sprache missbrauchen“, zieht Schramm einen Lichtblick in der sprachlichen Finsternis auf, sagt eben: die Wahrheit.

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