Hilfe für bedrohte Helden
MAINZ (28. April 2026). Die Tendenz ist zwar rückläufig, die Zahl dennoch beeindruckend: Laut deutschem Buchverband erschienen 2024 über 65.000 neue Bücher, dabei ist der Markt der selbst verlegten Publikationen noch gar nicht eingerechnet. Und dennoch: Die Fähigkeit (und vielleicht ja auch Bereitschaft) junger Menschen zu lesen sinkt. Auf lange Sicht droht Literatur dadurch in Vergessenheit zu geraten. Und mit ihr die Heldinnen und Helden, von denen sie erzählt.
Dieser düstere Gedanke inspirierte die beiden österreichischen Kleinkünstler Robert Blöchl und Roland Penzinger als Duo BlöZinger zu einem grandiosen Theaterstück, einer Tragikomödie, bei der es trotzdem viel zu lachen gibt: „Schloss mit lustig“ heißt das aktuelle Programm. Hierin bemerken literarischen Protagonisten aller Couleur seit einiger Zeit, dass sie schrumpfen, weil keiner mehr ihre Bücher liest. Um das zu ändern, brauchen sie Autoren, die ihnen neue Geschichten schreiben. Welch schöne, fast schon poetische Idee!
Nun könnte man meinen, angesichts der oben genannten Zahl von Neuerscheinungen müsste es auch genug talentierte Schreibende geben, die dieser Aufgabe gewachsen wären. Doch die Wahl fällt ausgerechnet auf Kinderbuchautor Thomas (Alkoholiker) und den Schriftsteller Roman (Schreibblockade). Sie wurden von Bram Stokers Graf Dracula eingeladen, den Literaturpreis „Transsylvanischer Bleistift“ entgegenzunehmen – freilich eine Finte, um sie aufs Schloss zu locken, wo die versammelte Heldenschar auf neue Geschichten wartet (und der Graf notabene auf frisches Blut). Soweit die Geschichte, die Blöchl und Penzinger ganz bezaubernd auf die Bühne des kleinen Unterhauses zaubern.
Als Requisite haben die beiden nur drei Stühle, alles andere imaginieren sie akustisch passend untermalt. Begleitet wird das ungleiche Autorenduo, das sich natürlich mächtig auf die Nerven geht, von zwei Mitarbeitern eines Inkassounternehmens, dem Thomas Geld schuldet – selbst das vermutete Preisgeld ist schon erfolglos verwettet. Die verschiedenen Charaktere und rasche Szenenwechsel treiben die Handlung leichtfüßig voran.
So erlebt das Publikum auf der Zugreise, wie sich die beiden Autoren bei einem guten Schluck näherkommen und die Geldeintreiber sich mit „Stein-Schere-Papier“ oder Tischtennis im Nachbarabteil die Zeit vertreiben. Es braucht nur die passenden Geräusche und Bewegungen – und schon tauchen Blöchl und Penzinger in die Szene tief ein. Gegenseitige Sticheleien und Bonmots sorgen elegant für den nötigen Klamauk, bis die illustre Reisegesellschaft schließlich das Schloss des Vampirs erreicht.
Dort begegnen sie neben den Helden der eigenen Jugendlektüre – Roman verschlang Cervantes „Don Quichote“ und Thomas „Mary Poppins“ von Pamela Lynwood Travers – weiteren literarischen Chargen: Vladimir Nabokovs Lolita, Edgar Rice Burroughs‘ Tarzan, Karly Mays Winnetou (der über kulturelle Aneignung diskutieren will), Alexander Dumas‘ drei Musketieren, Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf oder der Biene Maja von Waldemar Bonsels und dem kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry. Einzig Agatha Christies Miss Marple fehlt: Sie verpasste den Zug 16.50 Uhr ab Paddington. Alle eint die gleiche Angst: „Wenn niemand mehr unsere Bücher liest, verschwinden wir.“
Die glücklosen Autoren stehen nun vor der Herkulesaufgabe, der literarischen Heldenriege eine Zukunft zu schenken. So viel sei verraten: Es gelingt, beispielsweise mit dem bestsellerverdächtigen „Fifty Shades of Mary Poppins“. Doch bis dahin erleben die beiden auf dem Schloss rasante Abenteuer, die BlöZinger mit viel Schmäh einnehmend unterhaltsam spielt.
Hier sind zwei großartige Mimen und Clowns in Personalunion am Werk, die ihre Pointen lässig aus der Hüfte abschießen und damit punktgenau die Lachnerven ihres – gemessen am Schlussapplaus nicht nur begeisterten, sondern auch dankbaren – Publikums treffen. Und wenn man demnächst statt den Fernseher einzuschalten mal wieder ein Buch – vielleicht ja sogar einen Klassiker – zur Hand nimmt, war die Mission der beiden Autoren ein voller Erfolg.


