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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Bodo Wartke beflügelt am Flügel mit versilberten Silben und raffinierten Reimen

MAINZ – Bodo Wartke muss nur ein paar Tasten des Bechstein-Flügels im ausverkauften Frankfurter Hof berühren und schon hängt ihm das Publikum wie per Knopfdruck an Händen und Lippen. Wenn der charmante Conférencier mit der gewinnenden Ausstrahlung eines Pennälers seine Lieder und Texte über kleine und große Dramen vorträgt, kann man einfach nicht anders, als begeistert sein.

„Noah war ein Archetyp“ heißt sein aktuelles Programm – womit er in Bibelkreisen sicherlich die Erwartungen einer Vertonung des Alten Testaments geweckt habe, druckst der Kabarettist im eleganten Dreiteiler herum. Da er diesen Titel jedoch nur gewählt habe, weil er eben gut klinge, gebe es wenigstens ein paar archeaffine Tiergedichte.

Und die haben es in sich, denn wie auch in seinen Liedern besticht Wartke hier durch seinen treffsicheren Umgang mit der Sprache: Gelenkig jongliert er mit Worten und Buchstaben, versilbert jede Silbe und arrangiert sie in seinen Texten, so dass die Herren Ringelnatz und Morgenstern daran ihre helle Freude gehabt hätten.

Bei allem Witz zeugen die Verse, die Wartke vorträgt, jedoch von Geist und Liebe zur Sprache. Da nimmt er sich zum Beispiel den antiken Mythos von König Ödipus vor und spielt ihn in zwei Akten hinreißend komisch und originell, klug und unterhaltsam als Ein Personen-Stück mit eigenwilligen Reimen, doch leuchtend rotem Faden. Die gleiche Brillanz ist seinen Kapriolen am Klavier eigen.

Überhaupt das Klavierspiel: Da wird Mozarts „Türkischer Marsch“ zu einem hinreißenden Boogie Woogie, lässt sich Wartke bereitwillig vom Blues befallen und wechselt munter zwischen allen Stilen. Unübertroffen ist seine Erklärung von Schönbergs Zwölftonmusik.

Das Programm ist bis ins kleinste Detail ausgefeilt und lässt doch Raum für gekonnten Umgang mit dem spontanen Moment: Mikrofon-Pannen werden routiniert zum kleinen Versatzstück umfunktioniert und für eine fotografierende Zuschauerin in der zweiten Reihe unterbricht Wartke seinen Song und schmeißt sich lasziv in Pose: „Bitte nicht blitzen“, meint er dann: „Ich denke sonst, ich habe zu schnell gespielt.“

Da Bodo Wartke um die ungeteilte Aufmerksamkeit weiß, die er da genießt, zögert er nicht, auch ein paar kritische Anmerkungen zu Politik und Gesellschaft anzubringen; sie kommen natürlich in Liedform und dank Wartkes Sprachtalent wie durch die Hintertür. Doch dann sind sie da, die Kommentare beispielsweise zur amerikanischen Außenpolitik. Zu scharf sind diese Tiefgänge nie, denn vorgetragen werden sie von Wartkes samtweicher Singstimme, die von federleichten Pianoläufen und knackigen Akkorden umspielt wird.

Gut zwei Stunden spielt Wartke und füllt locker noch weitere 30 Minuten mit Zugaben, um die das Publikum lautstark applaudierend bettelt. Keine Frage: Er hat mit seinen 31 Jahren bereits geschafft, von sich schon sehr viel länger im Geschäft befindlichen Kabarett-Kollegen gecovert zu werden. Wohlgemerkt nur gecovert, denn kopieren kann man dieses Genie nicht. Chapeau!!!

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