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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Brandaktuell und trotzdem witzig

MAINZ (5. März 2017). Kaum hat sich der Pulverdampf der Fastnacht verzogen, geht es im Unterhaus erneut in die Schlacht um die besten Pointen und das ehrlichste Lachen eines überzeugten Publikums. Mehrmals läutet gestern die berühmte Unterhaus-Glocke, Sinnbild und Trophäe des Deutschen Kleinkunstpreises gleichermaßen, denn fünf buchstäblich ausgezeichnete Künstler dürfen den mit jeweils 5.000 Euro dotierten Preis entgegennehmen.

Es sind meist klangvolle Namen, die Moderator Urban Priol ankündigt. Ladies first: Den Förderpreis der Stadt Mainz erhält die Schweizer Kabarettistin Hazel Brugger. Der Kleinkunstpreis, der sich in verschiedene Sparten aufgliedert, geht an Tobias Mann (Kabarett), das Duo „die feisten“ (Chanson/Lied/Musik) und Nico Semsrott (Kleinkunst); den Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz bekommt der politische Liedermacher Konstantin Wecker.

Voraussetzung für die Preisverleihung ist laut Statuten, dass die Preisträger am eigentlichen „Feiertag“ auch alle nach Mainz kommen und im Unterhaus, seit 45 Jahren Stifter der Auszeichnung, auftreten. Als erster ist Nico Semsrott an der Reihe: Wer ihn noch nicht kennt, bangt um die Stimmung, denn er selbst nennt sich Demotivationstrainer. Semsrott, mimisch Zweifel und Resignation in Person, arbeitet sich mit stoischer Miene via Power-Point-Präsentation an der Aktualität ab. So fülle der Mensch die Leere zwischen Geburt und Tod meist mit Unsinn: „Da glaubt der Fanatiker an widerlegten Quatsch, der Aufklärer hingegen an noch nicht widerlegten.“ Geistvoller Witz geht mit grandios-minimalistischem Ausdruck daher, wenn Semsrott erklärt, warum der Rechtsextreme auch auf die komplexesten Probleme stets mit „Ausländer raus!“ und Burkaverbot reagiert: Wer sich mit sowas beschäftigt, dem vergeht offenbar das Lachen.

Dann sind „die feisten“ dran: Mathias „C.“ Zeh und Rainer Schacht taten gut daran, nach der Auflösung des früheren Trios „Ganz schön feist“ als Duo weiterzumachen. Mit kunstvoll komponierten, elegant getexteten und cool interpretierten Songs wird das Publikum nach verseuchten Nussschüsseln und einem (hoffentlich bewusstseinserweiternden) Elternratgeber für die Namensgebung mit „Flamingo Dolores“ in den Schlagerhimmel gehoben. Einfach köstlich!

Jetzt kommt Tobias Mann: Als Mainzer hat er ohnehin ein Heimspiel und wurde hier bereits 2008 mit dem Förderpreis ausgezeichnet. An diesem Abend freut er sich besonders über den Applaus, denn seitdem die Realität seinen Programmen Konkurrenz mache, sei sein Leben als Kabarettist hart geworden. Er knüpft sich erst mal Trump vor, bei dessen Personalauswahl nur noch Bill Cosby als Frauenbeauftragter fehle. Auch die Flüchtlingspolitik der EU mit ihrer „outgesourcten Menschenrechtsverletzung“ kommt dran: Mann ist wie immer brandaktuell.

Als Schweizerin hat Hazel Brugger in Deutschland noch keinen allzu großen Namen. Ob sich das nun mit dem Förderpreis zum Deutschen Kleinkunstpreis ändert? Tatsächlich tut sie sich an diesem Abend nicht ganz so leicht, das Publikum für sich einzunehmen. Es geht um Tod in und an Snack-Automaten, Kultur, Trumps Frisur –zuweilen etwas absurd, was die Jury in ihrer Begründung allerdings besonders überzeugend fand. Aber der Förderpreis trägt seinen Namen zuweilen eben nicht ganz zu Unrecht.

Und dann Konstantin Wecker, dessen Organ, Kraft und Elan eine wohlige Gänsehaut verursacht: streitbar, unbeugsam, authentisch und mit seinen Liedern moralische Instanz. Auch er ist „Wiederholungstäter“ und erhielt den Kleinkunstpreis in der Sparte Chanson 1977 – nun bekommt er den Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Er singt, obgleich von einer Bronchitis gequält, von Zärtlichkeit und Mut. Und seinen Kritikern, die ihn bösartig beschimpfen, gibt er Recht, ist gerne Gutmensch, weltfremd, Vaterlandsverräter und naiv: „Ihr selbsternannten Realisten habt keine Ahnung von der Wirklichkeit und jede Geste der Menschlichkeit ist wichtiger als das Gebell Eurer Phobien!“

Die Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 2017 wurde für das Fernsehen aufgezeichnet und ist am 12. März um 20.15 Uhr in 3sat sowie am 17. März um 01.05 Uhr im ZDF zu sehen.

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