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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Vor Gericht und auf hoher See...

MAINZ (4. Oktober 2011). Claus von Wagner ist einer der jungen Kabarettisten, der sowohl als Alleinkämpfer auf der Bühne als im „Ersten deutschen Zwangsensembles“ mit Philipp Weber und Mathias Tretter Erfolge feiern kann. Im Unterhaus spielte er nun sein aktuelles Programm „3 Sekunden Gegenwart“, ein Theater-Kabarett, das es in sich hat.

Die Zugabe vorziehend bringt von Claus von Wagner zu Beginn ein paar schlagfertige Sottisen: Der Papstbesuch? „Ein Bayer ist Stellvertreter Gottes auf Erden – die Stelle war seit Franz-Josef Strauß ja lange vakant.“ Und was haben Benedikt und Franz Beckenbauer gemeinsam: „Keine Ahnung von Verhütung.“ Obama versprach wirtschaftlich nicht zu viel, als er ankündigte „We need change.“ Und was ist konservativ? „Oma hat gekocht, Opa war Nazi, aber höflich.“ Oder warum hätten 60 Millionen Deutsche solche Angst vor drei Millionen Türken: Vier Prozent? Sei da die FDP nicht gefährlicher? Claus von Wagner nutzt die Wut über den alltäglichen Unsinn als Antriebsfeder zu gelungenen Randbemerkungen.

Dann aber geht der gefühlte Vorhang auf: Ein Dachboden. Und ein Mann, etwas über 30, von Frau wie Kind getrennt: Joachim Wagner heißt er. Und er hat ein Problem, denn die werte Ex und ihr neuer Lebensgefährte wollen ihm Töchterchen Carla Penelope vorenthalten. Als Vater ist er gescheitert, redet man ihm ein. Und auf der Suche nach einer Videokassette, die ihn entlasten soll, kramt er sich durch verstaubt-verstaute Vergangenheit, um an die Gegenwart anzuknüpfen: Da sind die Zeugnisse der Grundschule, die dazu anregen, das Bildungswesen anzugreifen. Und Kinderklamotten erinnern ihn daran, dass man heute von Freunden statt Geburtskarten Mails mit dem Betreff: „Ich bin da“ und entsprechendem Bildmaterial empfängt: „Ich habe derzeit 20 Fotos von nackten Kleinkindern auf dem Rechner – bei der nächsten Online-Durchsuchung bin ich dran.“

Claus von Wagner folgt auf der Suche nach dem Video seinem roten Faden, den er immer wieder an aktuellen Themen festknotet. Dabei geht er virtuos mit Sprache um und verleiht seinem Stück den nötigen Drive. Als er die Schnelllebigkeit der Politik und des Privaten zum Thema macht, kommt bei ihm die Seele nicht mehr hinterher: „Sie hat Seitenstechen.“ Hier kommt auch der Titel des Stückes zum Tragen: Denn in den „3 Sekunden Gegenwart“ wird heute eben auch Politik gemacht: „Müntefering war noch alte Schule – kein Satz länger als drei Sekunden. Bei Westerwelle dauert ein Gedanke gerade mal so lang…“

Das Theater endet in einer alptraumhaften Gerichtsverhandlung, einer Art kafkaesken Version von „Alice im Wunderland“: Von Rolle zu Rolle springend wird der Fall Joachim Wagner, dieser „kleine Fisch im Karpfenteich des Lebens“, verhandelt; auf der Anklagebank sitzen der Zins, die Umstände und die Gesellschaft, vertreten durch Angela Merkel. Auch wenn das Stück hier etwas ausfranst, gipfelt es doch in einer packenden Pointe: Sind Werte einklagbar? Bei Claus von Wagner treffen bissiger Witz und charmanter Denkanstoß passgenau aufeinander.

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