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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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40 Jahre und kein bisschen leise

MAINZ (26. Februar 2012). Tusch und Glocke: 40 mal das eine und über 120 mal das andere – in die Jahre gekommen ist der Deutsche Kleinkunstpreis allerdings noch lange nicht und beweist auch mit der Verleihung, die heute im Mainzer Unterhaus über die Bühne ging, dass er seit 1972 Zeichen setzt und die deutschsprachige Kabarettszene nach wie vor lebendig mitgestaltet. Fünf Künstlerinnen und Künstler begrüßte Moderator Volker Pispers, der 1995 selbst mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurde.

Ladys first: Christine Prayon durfte sich über den Förderpreis der Stadt Mainz freuen. Ohne Zweifel hat die Jury recht, wenn sie ihr attestiert, die Künstlerin verweigere sich „konsequent kabarettistischer Meterware“: Sie dürfte tatsächlich die einzige sein, die eine Salbeiallergie zur Nummer ausbaut und die oberflächlichen Bonmots eines Mario Barth in Versmaß zwängt. Mit erfrischend exhibitionistischer Ader macht sie auf der Bühne nicht nur im übertragenen Sinne eine richtig gute Figur.

Nach der Dame der Grand Seigneur: Georg Schramm erhielt den Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz als „gradlinig-kompromissloser Kabarettist und renitenter Humanist“: Er macht immer wieder aus der Not ein Tugend, wenn er fehlende Kombattanten dadurch ersetzt, da er seine Bühnenfiguren nicht nur karikierend umreißt, sondern in sie hineinschlüpft und mit mimischem Talent auch als Schauspieler glänzt.

Zur Preisverleihung kam er als Lothar Dombrowksi, der dem Publikum die richtige Platzierung seiner geistvollen Pointen erklärte, damit sie an der richtigen Stelle detonieren. Denn es braucht Stimmen wie Schramm, die sich der verbalen Volksverdummung seiner Vertreter entgegenstemmen, damit diese nicht mehr ihre „sprachliche Inkontinenz in den öffentlich rechtlichen Bedürfnisanstalten bei Klofrauen wie Illner oder Jauch“ zur Schau stellen.

Zwischen den Auftritten der Ausgezeichneten zeigte Volker Pispers, dass er den Preis vor 16 Jahren zu Recht bekommen hat. Bissig kommentierte er ganz aktuell die Debatte um den Bundespräsidenten: „Wer keine Ehrfurcht vor dem Amt hat, muss Angst um die Ehre haben.“ Doch was folgt auf den „Unhold des Jahres“ und das „zweibeinige Payback-System“? Die Antwort lieferte Pispers mit reaktionären Zitaten Gaucks und kratzte damit heftig an der frisch aufgetragenen Politur des Gekürten.

Mehr Geschmack und Treffsicherheit als die Regierenden bewies die Jury bei der Wahl der weiteren Preisträger: Marc-Uwe Kling, ein „unorthodoxer Weltbetrachter“, erhielt die Glocke in der Sparte Kleinkunst, muss sich das Preisgeld jedoch mit einem kommunistischen Känguru teilen, mit dem er zusammenlebt und das Teil seines pointierten Bühnenprogramms ist. Natürlich war es ebenfalls angereist, um sich mit seinem Mitbewohner auf der Unterhausbühne dialektische Scharmützel zur Güterverteilung oder dem Wert der Freundschaft zu liefern.

Max Uthoff ist Preisträger in der Sparte Kabarett, das er laut Juryurteil „charmant wie durchtrieben“ gestaltet: Elegant lobte er die Liaison von Künstler und Publikum, die für ihn ungleich wertvoller sei als Freundschaft auf Facebook. Im virtuellen Forum könne jeder alles äußern: „Meinung ist der kleine bucklige Verwandte von Inhalt.“ Schlimmer sei es einzig noch in der (bayerischen) Politik, wo die Wortmeldungen der Mächtigen nur noch Atemübungen glichen.

Ganz anders sieht das bei Martin O. aus, der sich der für die Sparte Chanson, Lied und Musik empfahl; die Jury schätzt an diesem Schweizer Kleinkünstler seine „multimedialen Kunstwerke“, die der Schweizer in einer „universellen Sprache“ erzähle. Im Unterhaus durfte das Publikum erleben, wie ein Mann eine ganze Band gibt und mittels Mehrspurtechnik als akustischer Kulissenbauer die Atmosphäre an einer Autobahn schafft. Brillant – wie alle anderen auch!

Im Fernsehen ist die Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises 2012 am 19. März um 20.15 Uhr auf 3sat zu sehen; im ZDF läuft die Sendung am 21. März um 1.05 Uhr sowie am 5. April um 20.15 Uhr.

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