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Jan-Geert Wolff

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Gegenentwurf zum üblichen Mittelmaß

MAINZ (8. November 2017). Zugegebenermaßen juckt es einen in den Fingern, bei der Bekanntgabe der Träger des Deutschen Kleinkunstpreises auch mal ganz beiläufig ein paar Namen zu nennen, die es zwar „nicht geschafft“ haben, aber eben auch viele Fürsprecher hatten: als Dokumentation, wie lebendig und vielfältig die deutschsprachige Kabarettszene ist. Doch haben sich die Jurymitglieder hier zum Stillschweigen verpflichtet. Und wer weiß: Vielleicht kann man den einen oder anderen Namen ja dann im kommenden Jahr vermelden.

Für das Jahr 2018 stehen die Preisträger der verschiedenen Kategorien indes fest: Simone Solga (Kabarett), Marco Tschirpke (Chanson Lied und Musik) sowie Thorsten Sträter (Kleinkunst); der Förderpreis der Stadt Mainz geht an Lisa Eckhart, den Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz erhält Andreas Vitásek. Die Preisträger eint nicht nur, dass sie in der Szene einen Namen haben: Sie erfüllen auch alle jenen Passus der Statuten, nach denen „Qualität, Ehrlichkeit und Originalität der Kandidaten“ für die Wahl ausschlaggebend sind.

Alle müssen außerdem selbst auf der Bühne wirken – und das natürlich auch am Tag der Preisverleihung im Mainzer Unterhaus. Die fällt im kommenden Jahr auf den 18. Februar, begleitet von den 3-sat-Kameras und -Mikrofonen. Durch die Übertragung wird das Preisgeld von 5.000 Euro finanziert; der Förderpreis kommt aus dem Kultur-Etat der Stadt Mainz, der Ehrenpreis aus dem des Landes. Stifter der 1972 erstmals und 2018 zum 46. Mal verliehenen Auszeichnung ist das Mainzer Forum-Theater Unterhaus.

Zu den einzelnen Preisträgern: Simone Solga ist in den Augen der Jury „eine politische Kabarettistin, die als enge Vertraute der Kanzlerin (ihre Bühnenrolle ist die der Kanzlersouffleuse, Anm. d. Red.) mit entwaffnender Liebenswürdigkeit unverschämte Gemeinheiten abschießt und damit ins Schwarze trifft.“ Die Jury meint: „Das ist genial.“

Marco Tschirpke ist ein genialer Wortakrobat, dessen erster Gedichtband 2012 beim früheren Mainzer Verlag André Thiele erschien; mittlerweile hat Ullstein den Kleinkünstler unter Vertrag. Laut Jury ist Tschirpke ein „Musikpoet, der sein Publikum mit raffiniert vertonten Texten fasziniert. Verse und Melodien fallen ihm zu wie Geistesblitze.“ Er sinniere ungerührt intelligent und immer charmant über die Sonderlichkeiten des Lebens und mache einfach Lust auf Lyrik.

Torsten Sträter begeisterte die Jury als Schriftsteller, Slam-Poet und Vorleser: „In seinen Texten, die aus Alltagsbeobachtungen entstehen, erschließt er bislang unerforschte Phänomene. Unter seiner dunklen Wollmütze haben vordergründig komische und ungeahnt abgründige Gedanken Platz.“ Sträter hat zudem auch eine große TV-Präsenz, ist steter Gast bei Dieter Nuhr in der ARD und moderiert im WDR mit „Sträters Männerhaushalt“ seit 2016 eine eigene Show.

Mit Förderpreis-Trägerin Lisa Eckhart zeichnet die Jury eine „frappierende Erscheinung aus, die mit Worten und Gesten eine geheimnisvolle und diabolische Welt entwirft, in der sie sich gnadenlos behauptet. Sie ist ein Gegenentwurf zur üblichen Mittelmäßigkeit und widersetzt sich mit Verstand, Versmaß, Eloquenz und Logik.“ Ebenso vielfältig ist ihr Landsmann, der aus Österreich stammende Ehrenpreisträger Andreas Vitásek: Ihn zeichnen die Juroren als Clown, Kabarettisten, Theatermann und Poeten aus, der mit kleinen Gesten und leisen Tönen umso größere Wirkung erziele.

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