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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Neues aus dem Lobbykeller

MAINZ (13. März 2013). Im Unterhaus gastieren zuweilen Künstler, die ihre Programme über einen längeren Zeitraum spielen und dann auch wiederholt in Mainz zum Besten geben. Warum auch nicht, wenn das Gespielte Qualität hat?

Das Kabarett „Distel“ ist ebenfalls gern gesehener Gast im Unterhaus, kommt jedoch eigentlich immer mit einem neuen Programm: Man war bereits „Jenseits von Angela“, meinte „Staatsratsvorsitzende küsst man nicht“, wunderte sich über „Das Schweigen des Lammert“ oder bewegte sich in der „Kampfzone Bundestag“ – stets zeigte die „Distel“, wie gut gemachtes Ensemblekabarett geht.

Und dass den Berlinern die Themen nicht ausgehen, dafür sorgen die Regierenden und Lenker aus Wirtschaft und Politik. Aktuell wird „Wie geschmiert – Neues aus dem Lobbykeller“ gespielt; das Plakat zeigt das von Geldscheinen umwirbelte Wort Regierung, hervorgehoben ist die zweite Silbe: Gier. Der „Distel“ ist das Thema zu wichtig, um es den Moralphilosophen zu überlassen: Dagmar Jaeger, Stefan Martin Müller und Michael Nitzel nehmen die „fünfte Gewalt“ im Staat genauestens unter die Lupe und versetzen ihr Publikum zum Lobbyisten-Stammtisch beim Szene-Italiener in Berlin-Mitte, wo etwa 5.000 ihrer Kollegen die Strippen ziehen.

Und was macht die Politik? „Ich kaufe Abgeordnete, die dann dafür sorgen, dass meine großen Vier ihren Strom verlaufen können“, erklärt der Energie-Lobbyist das System und eine rassige Dame in hüfthohen Lackstiefeln und Leopardenfell veranschaulicht, wie schnell man von der Politik in die Prostitution wechselt. Das ist so dreist wie wahr, schließlich bekommen doch alle Abgewählten von Schröder bis Clement ein Pöstchen in der Wirtschaft: „Oder glauben Sie, dass Steinbrück, der mit Vorträgen in der Finanzwelt 1,25 Millionen verdient hat, wirklich das Bankenwesen ändern will?“

Mit grandioser Spielfreude übt das glänzend aufgelegte Ensemble der „Distel“ bissige Systemkritik. Aufgelockert wird „Wie geschmiert“ durch pointierte Sketche mit gelungen karikierten Charakteren: Herrlich gelingt die Parodie des halbseidenen Viertelpromis Bernd Wollersheim während der Pressekonferenz der deutschen Zuhälter oder der Scheich, der erklärt, warum Deutschland ruhigen Gewissens seine Panzer nach Saudi-Arabien liefern kann. Das Salz in der Suppe sind auch die Lieder, wie immer brillant musiziert von Fred Symann und Matthias Lauschus.

Doch auch die „Distel“ gibt sich keiner Illusion hin: Am Ende siegen Desinteresse und Verdrossenheit im Volk; auch das auch das „Aktionskomitee für Antilobbyismus“ klüngelt mit. Statt Klassenkampf von unten wird er nun von oben geführt und es bleibt bei der bitteren Erkenntnis, dass man in den Nachrichten ohne weiteres die Worte „Märkte“ und „Reiche“ austauschen und aus den Lettern des Wortes Bundeskanzlerin eben auch Bankenzinsluder buchstabieren kann…

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