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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Irgendwie aus der Zeit gefallen

MAINZ (13. März 2014). Ein politischer Kabarettist hätte sich am Abend des Tages, an dem ein Uli Höneß wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, diesen kapitalen Fang nicht entgehen lassen und so manche Attacke auf den gefallenen Fußball-Manager geritten. Erwin Grosche ficht das nicht an.

Seit 40 Jahren bespielt der Träumer, Dichter und Denker die Kleinkunstbühnen der Republik. Und scheint dabei irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein: Heute, wo alles immer höher, schneller und weiter gehen muss, erweist sich der Paderborner als Meister der Entschleunigung, der wie die Comicfigur Schroeder aus den „Peanuts“ des Zeichners Charles M. Schulz am Mini-Klavier sitzt und darüber nachdenkt, wann denn das Toast Hawai gegenüber dem Strammen Max auf der Strecke der kulinarischen Landläufigkeit geblieben ist.

Geht es ihm ob solchen Sinnierens schlecht, hat er ein probates Mittel parat: „Ich rauche eine ganze Packung Gauloises am Stück – nicht, dass mir das bekäme, aber ich bin ja schon sauer.“ Mit den großen Augen des Kindes blickt Erwin Grosche fatalistisch in die Welt und stemmt sich so doch gegen jedes Ärgernis. Wie weiland Peter Pan weigert er sich trotzig, erwachsen zu werden. Und um zu testen, ob er schon alt sei, steigt er in einen Schulbus um zufrieden festzustellen, dass ihm kein Kind seinen Platz anbietet.

Bevor Grosche demnächst in der Kölner „Comedia Colonia“ die Premiere seines neuen Solos – derzeitiger Arbeitstitel: „Der Abstandhalter – über das Ausgleiten in Dusche und Bad“ – feiert, blickt er für sich und sein Publikum im Unterhaus noch einmal zurück und spielt im „Warmduscherreprot Vol. 2“ wunderbare Szenen aus alten Programmen. Sportliche Bewegungsabläufe dargestellt an Getreidearten und die Ode an jene Creme, deren fünf Buchstaben er zu poetischen Sätzen wie „Nur im Vergessen endet alles“ und „Natürlich ist Verlieben ein Abenteuer“ schmiedet, sind dabei. Und natürlich die „Peter-Sloterdijk-Entspannungstasche“, mit deren Schlaufen er die Gesichtsmuskulatur stimuliert.

Erwin Grosche erlaubt sich Ab- und Ausschweifen gleichermaßen, entflieht dadurch der hektischen Gegenwart mit ihrer Termingeschäftigkeit. Stattdessen trifft er auf eine Cola-Dose und wird zum Rebell: „Die kriegt ihren Kick-up – da kann noch so oft ‚gesetzlich geschützt‛ drauf stehen.“ Ein Mülleimer dürfe rumhänge, er nicht. Über solche Ungerechtigkeiten kann sich Grosche in wunderbaren wie wohl intonierten Sprachbildern erregen – und wird doch schnell wieder der zahme Ostwestfale.

Und der äußert Sätze wie „Günther heißt im Winter Walter“ – da werde man plötzlich ganz anders wahrgenommen und habe schnell das Zugabteil für sich allein. Das gilt auch für die Auditorien der Kleinkunst: Mag man mit der Kunst eines Erwin Grosche keine Stadien füllen – die Herzen derer, die zuhören (können), sind nach einem solchen Abend voll Fröhlichkeit

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