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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Eleganter Satiriker

MAINZ (26. November 2015). Bald 25 Jahre stehe er nun schon auf den Kabarettbühnen der Republik, erzählt Frank Lüdecke – und in den vergangenen 22 Jahren habe er regelmäßig Gast im Unterhaus sein dürfen. Schon vor dem Wechsel in die Profiliga holte sich der Berliner im selbst gegründeten Studentenkabarett „Phrasenmäher“ sein künstlerisches Rüstzeug.

Nach dem Wechsel zum „Düsseldorfer Kom(m)ödchen“ startete Lüdecke dann solistisch durch und wurde dank seiner Fernsehpräsenz im „Scheibenwischer“ oder als passgenauer Sketch-Partner in Dieter Hallervordens Sendungen „Spott-Light“ und „Zebralla“ rasch einem größeren Publikum bekannt.

Mit „Schnee von morgen“ präsentierte Lüdecke jetzt sein aktuelles, viertes Solo im Unterhaus. Hierin erweist er sich als eleganter Satiriker und wacher Beobachter, der im Duktus eines gewieften Hofnarren die Themen der Zeit anspricht. Dabei spricht er auch unbequeme Wahrheiten aus und an, greift gleich zu Beginn die Pariser Terroranschläge auf.

Es gebe einen deutlichen Zusammenhang zwischen ihnen und den Flüchtlingen, die derzeit bei uns Schutz suchten, schließlich liefen diese vor genau jenem Terror davon. Den Begriff der derzeit diskutierten „Obergrenzen“ führt Lüdecke dabei plakativ ad absurdum: Man müsse sich nur in jenes Pariser Theater versetzen, Verwirrte ballerten herum, man versuche zu entkommen und vor der Tür stehe Horst Seehofer, der einen am Fliehen hindere: „Wegen der Obergrenze.“

Lüdecke formuliert mit einer gekonnten Melange aus Chuzpe und Zurückhaltung. Er provoziert – vor allem sein Publikum, angefangene Gedanken selbst zu Ende zu bringen. Damit gelingt dem Künstler Kabarett per excellence. Dass dabei nicht jede Pointe die gleiche Durchschlagskraft hat, liegt in der Natur der Sache.

Manches, wie der Verdacht unsere Bundeskanzlerin interessiere sich eigentlich gar nicht für Politik, ist bereits an anderer Stelle zu oft gesagt worden, als dass die Wiederholung allzu originell daher kommt. Immerhin kritisiert auch Lüdecke, dass sich das Kabarett bei ihr nur auf „anatomische und textile Pointen“ beschränke.

Dann aber nimmt er wieder Anlauf und landet gekonnte Treffer: Der Automobil-Industrie attestiert Lüdecke aufgrund ihrer Sorge um die Vielfalt der Branche in puncto Drei-Liter-Auto ein Herz für den Artenschutz und die Politik sieht er als „Ausbildungszweig für die Wirtschaft“ – schließlich kam ein zitierter Brief der Auto-Lobby vom einstigen CDU-Verkehrsminister Matthias Wissmann.

Letztendlich gleicht ein Abend mit Frank Lüdecke einem Fußballspiel gegen den äußerst ungeschickten Gegner Berlin: Die Regierung spielt dem kabarettistischen Libero vor dem eigenen Tor immer wieder den Ball zu – und der schlenzt das Leder mühelos ins Netz.

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