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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Das was ma’ wa’ wa’ ma’

MAINZ (15. Mai 2012). Man kann es tatsächlich so sagen: Eine Ära geht zu Ende, denn die dreiköpfige A cappella-Formation „Ganz schön feist“ wird sich Ende des Jahres auflösen.

„Wir stehen hier mit einem tränenden und einem weinenden Auge“, bekennt denn auch Rainer Schacht gegenüber dem Unterhaus-Publikum, zu dem das Trio eine besondere Beziehung hat: Auch von hier aus sei man vor 20 Jahren gestartet, habe immer gerne im „Teilchenbeschleuniger“ gespielt. Und so führte „Ganz schön feist“ jahrzehntelang das Sprichwort ad absurdum, nach dem man aufhören soll, wenn es am schönsten ist: Demnach hätten die drei nach jedem ihrer Auftritte die Stimmbänder an den Nagel hängen müssen.

Ein bisschen Wehmut schwebt über dem Abend, dem viele Fans der ersten Stunde beiwohnen. Aber sie kommt nicht an gegen die gute Stimmung, für die Rainer Schacht, Mathias „C.“ Zeh und Christoph Jess mit ihren Liedern, einem gelungenen Mix aus Klassikern und aktuellen Songs, sorgen. Im Gegenteil: Die Sänger haben nämlich „keinen Bock auf Betroffenheit“. Und außerdem viel zu viel verdient in all den Jahren: „Dass wir heute Abend Eintritt nehmen liegt daran, dass wir das vergessen haben“, bekennt C. in seiner charmanten Nonchalance.

Sie sind eben „was ganz besonderes“, was sie auch einem besungenen weiblichen Gegenüber bescheinigen, um feixend fortzufahren „für heute Abend…“ Als Geheimnisträger taugen sie nicht, denn C. fasst alle im Vertrauen gehörten Beichten sogleich in Lieder über Partnerschaftskiller. Da wird das verdummende Fernsehen besungen und gleichzeitig die pikante Mixtur aus Fremdschämen und wohligen Voyeurismus bekannt. War früher alles besser, wie das Lied „Hüa“ vermuten lässt? Ja, denn früher gab es „Ganz schön feist“ noch, wird man ab dem kommenden Jahr sagen können.

Die Lieder werden jedes für sich zelebriert: Liebevoll leiht C. den eigenen Versen und Noten seine Stimme, die mit ihrer flauschigen Struppigkeit immer wieder aufs Neue betört. A cappella mit wunderbar aufeinander abgestimmtem Tenor, Bariton und Bass oder zuweilen sich selbst auf Saiten- oder Tasteninstrumenten sowie mit Hand-Percussion begleitend eröffnet „Ganz schön feist“ mit jedem Song ein kleines Panorama: vom Auto fahrenden Affen, vom autosuggestiven Gänseblümchen, von Liebe, Lust und Trennung, erfolglosen Blind Dates oder dem unersättlichen Hunger der Partnerin auf körperliche Vereinigung – die oralen Triebtäter mit dem funkelnden Gold in der Kehle können witzig sein, aber ebenso in „Weißt Du noch?“ mit zärtlichem Ernst in Erinnerungen schwelgen.

Am Schluss, nachdem mit „That lonesome road“ von James Taylor der Abend gefühlvoll wie endgültig ausklingt, erhebt sich das Unterhaus-Publikum von den Stühlen und dankt seinen „feisten Drei“ frenetisch für zwei Jahrzehnte. Wann erlebt man hier schon mal Standing ovations?

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