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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Und plötzlich steht die Welt im Garten

MAINZ (31. Oktober 2013). Im September gastierte Gerd Dudenhöffer im Unterhaus – als Gerd Dudenhöffer, nicht als Heinz Becker: als Dichter und Denker, nicht als stoisch-biederer Bürger, der den Blick über den eigenen Gartenzaun aus Angst, er könne sich dabei den Hals verrenken, scheut. Dudenhöffer als Poet gefiel damals überraschend gut – aber als Heinz Becker ist der Saarländer einfach unschlagbar.

Keine Frage: Diese Kunstfigur provoziert. Und polarisiert. Ihre Ansichten wagen den wohlig zittrigen Spagat zwischen pfiffiger Pointe und grobem Witz. Die vielzitierte poltische Korrektheit hat Becker an der Garderobe abgegeben und sich stattdessen jene berühmte Kappe aufgesetzt, die sein Denken und Fühlen im Zaum hält. Das aktuelle Programm heißt „Die Welt rückt näher“, womit Dudenhöffer für seinen Heinz natürlich eine wachsende Bedrohung schafft: Was ist, wenn der globalisierte Kosmos plötzlich in Beckers Vorgarten steht?

Der Spießbürger vor der Motivtapete stellt alles unter Generalverdacht und bewertet es mit gefährlichem Halbwissen. Er verwechselt oder schert über einen Kamm: Beschneidung oder Schächtung? Irgendwie in diese Richtung eben. Laut knarzen die Brücken, mit denen er seine Gedanken verbindet: „Warum soll ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ein Negerkind Hunger hat? Das freut sich doch auch nicht, wenn es uns gut geht?“ Es war natürlich nicht alles schlecht unter Hitler, der „ja nicht nur für Unruhe gesorgt hat“: Immerhin hätten die Nazis den Muttertag erfunden. Überhaupt: „Es wäre gut, wenn es wieder so wäre wie früher – siehe Rauchverbot.“

Es sind diese Finten, die den Zuhörer erst über glühende Kohlen laufen lassen, um ihn einen Augenblick später ins Eiswasser zu stellen. Dabei hat sich Gerd Dudenhöffer mit seinem Heinz Becker nicht nur Freunde gemacht: Zu oft unterstellt man dem Künstler eine Identifizierung mit der Figur. Doch Heinz ist nicht das Alter ego dieses feinsinnigen Menschen.

Mit ihm aber hält dieser seinem Publikum zuweilen brutal den Spiegel vor, der manches natürlich grotesk verzerrt. Das Wort „homosexuell“ geht Heinz nur schwer über die Lippen, „Endlösung“ oder „Abschiebung“ indes umso schneller. Dafür ist sexueller Missbrauch in der Kirche nicht gar so schlimm, hätte man sich doch von einer möglichen Abfindung den Balkon machen lassen können. Man will protestieren und verstummt doch jäh: Wie denkt man selbst über gewisse Themen? Und vielleicht stellt man ja schaudernd fest, dass der mahnend ausgestreckte Zeigefinger eben auch mit drei Gliedern auf einen selbst zeigt?

Das mittlerweile 15. Soloprogramm Dudenhöffers ist dabei weitaus mehr als pures Kabarett: Seine Ein-Personen-Stücke sind großes Theater, das er in der Rolle des Heinz Becker mit grandios minimalistischer Mimik spielt, denn die Komik, die beim Publikum ankommt, verlässt die Bühne todernst. Kaum ein Lächeln kräuselt die Lippen während des Palaverns. Dadurch gibt Dudenhöffer der Vorstellung eine dichte Spannung: Man weiß nicht, was als nächstes kommt, nur eines: Die Welt rückt tatsächlich näher – beunruhigend nah.

Weitere Informationen und Termine gibt es im Internet unter http://www.gerd-dudenhoeffer.de.

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