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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mehr als nur die Häfte des Duos

MAINZ – Um was geht’s hier eigentlich? Auch Gerd Knebel weiß darauf keine Antwort. Was ihn nicht daran hindert, sie zu geben. Der Meister des solistischen Dialogs stand in Mainz erstmalig allein auf der Bühne und weckte mit einem rasanten und modernen Nummernkabarett sogleich den Wunsch, es möge nicht das letzte Mal gewesen sein.

Zugegeben, man war durchaus gespannt: Kann Knebel, die bärbeißige Hälfte des erfolgreichen Kult-Comedy-Duos „Badesalz“, einen Abend als Solist gestalten, ohne dass man sich irgendwann nach dem anderen, weicheren und intellektuelleren Part des Henni Nachtsheim sehnt? Er kann. Und wie!

Bei „Badesalz“ war und ist es Knebel, der schon rein stimmlich ein Panoptikum an Personen und Charakteren aller Altersgruppen und Geschlechter aus dem Ärmel schüttelt. Auch im Soloprogramm „Um was geht’s hier eigentlich?“, das er jetzt im Mainzer Unterhaus präsentierte, erlebt man den grantigen Bademeister, den quengelnden Teenager, die ordinäre Gattin oder den gemütlichen Frührentner, der seinen Lebensabend an der Trinkhalle fristet. Und alle überzeugen durch akustische Authentizität mit einem kräftigen Schuss Karikatur.

Doch Knebels Solo ist nicht nur die auf eine Person reduzierte Weiterführung der „Badesalz“-Comedy. Denn wenn diese zuweilen äußerst scharfen Zynismus versprühte, wurde das sogleich durch die nächste Witznummer ausgeglichen. Solistisch bleibt Knebel sich und seiner schnoddrig-brutalen Art, die Pointen mit brachialer Wucht ins Publikum zu hauen, allerdings treu und kreiert somit ein „Badesalz“-Konzentrat.

Was das Publikum nicht bekommt, ist ein kurioses Dahingleiten auf der Welle des derzeit Gängigen: Eine gut gesetzte Mario Barth-Parodie macht dies bereits am Anfang klar. Stattdessen ist für Knebel der Weg das Ziel. Und auf diesem muss er sich nicht bücken, um seine Themen aufzusammeln.

Gestörte Essgewohnheiten und nächtliches Abnehmen in Offenbach, wobei die freundlichen Südländer gerne behilflich sind, Gewissensbisse beim Abheben in den Urlaub von Frankfurts Startbahn-West, Verdrängung und Weicheier, die selbst beim Stehen sitzen oder Quizshows im Radio, mütterliche Welt-Erklärer und Fremdenfeindlichkeit in der S-Bahn – Gerd Knebel schlüpft immer wieder in neue Rollen und geht in seinen Sketchen zuweilen wohltuend dreist bis an die Grenze und darüber hinaus.

Die überraschende Eloquenz jener einst im Keller gefangene Natascha Kampusch vergleicht er mit der vieler in Freiheit aufwachsender Jugendlichen und erwägt die Vorteile des Verlieses anstelle der teuren Nachhilfe. Der Angst vor Übergriffen empfiehlt er mit einem Blick aufs Wetter zu begegnen, da Gewalttaten bekanntlich immer aus heiterem Himmel passierten und noch auf der Intensivstation ruft er den Freund an, um für den Fall der Fälle die Prepaid-Karte leer zu telefonieren.

Keine Frage: Gerd Knebel, in dessen Brust weit mehr als nur zwei Seelen wohnen, die sich im breitesten Hessisch bemerkbar machen, schafft den Spagat zwischen bissigem Kabarett und erfrischend blödelnder Comedy mühelos. Und enttäuscht dabei auch eingefleischte „Badesalz“-Fans keinesfalls. Im Gegenteil!

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