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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Ich sag ja bloß, wie’s ist“

MAINZ (25. März 2013). „Ja mei, wenn’s so ist?“ Schwer lastet die Frage auf dem Unterhaus-Publikum und man wartet gespannt, was er als nächstes sagt: „Die Tatsache allerdings spricht ja für sich.“

Dem Anakolut Gerhard Polts kann man nichts entgegensetzen und die Erklärung folgt auf dem Fuß: Bayern ist reich an Geschichte – König Ludwig, Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Hofbräuhaus. Was allerdings fehlt, ist ein CSU-Museum, in dem gerade die junge Generation Politik sinnlich erfahren kann.

„Ich hätte da einige interessante Objekte“, verspricht der Bajuwar: Ein Foto von Strauß, wie er den Meineid leistet – „Leider nicht unterschrieben…“ –, ein knäckebrotgroßer Rest einer Festplatte, die der Strauß-Sohn nicht mehr hat aufessen können, die von Merkel ausgesaugte Weißwursthaut vom Frühstück in Wolfratshausen oder das Röhrchen, das dem späteren Verkehrsminister Wiesheu die Promille attestierte, mit denen er einen Polen totgefahren hatte: „Am Tag der Beerdigung erhielt er den Bayerischen Verdienstorden – also nicht nur dafür…“

Polts Pointen sitzen wie feine Nadelstiche und schwellen mit grandiosem Crescendo zur schallenden Ohrfeige an. Sein Tonfall versetzt einen in die rustikale Atmosphäre eines bayerischen Gasthauses, eine Halbe zwischen sich und dem genau beobachtenden Erzähler. Es geht um praktische Psychologie, mit der er den Röschwinter Karl um 1500 Euro anpumpen möchte: „Zum Glück ist das ein Depp.“

Zuhören darf auch der Reporter, der in der Fußgängerzone Zeitzeugen befragt: Polt verfällt in greises Greinen, mit dem er von einer Begegnung mit Hitler erzählt. Durch kleinkindliches Geplärr habe er damals verhindert, dass der spätere Führer mit General Ludendorff über die Dolchstoßlegende schwadronieren konnte: „Da hat er gesessen und ein Stück Prinzregententorte gegessen.“ Leider vergaß er zu zahlen – aber Hitler ein Zechpreller? „Er hat Fehler gemacht, gut: den Röhm-Putsch zum Beispiel. Und er war Vegetarier…“

Das Feuerwehrfest in Hausen, bei dem die Jugend Initiative zeigt und Schnaps zugunsten der Aktion „Keine Drogen“ verkauft, das Schwelgen in Erinnerungen an den späteren Allianz-Angestellten Hinterschwepfinger Berti, der schon als „Kindkollege“ mit öffentlichem Einnässen Geld verdiente oder die kolossale Abschiedsrede von Papst Benedikt im genuschelten Esperanto-Italienisch („Arrivederci Seniora Käßmann e vino bianco e vino rosso…“), der passionierte Autofahrer – messerscharf werden die Figuren gezeichnet und Lächerlichkeit aufgedeckt, ohne sich selbst darüber zu erheben.

Polt wendet sich am liebsten der Gesellschaft, eben dem richtigen Leben zu. Politisch will er nicht werden, gibt hier lieber den Tipp, im Biergarten nicht aus Steinkrüge zu trinken, weil man in ihnen etwaigen Auswurf („Die Auster des kleinen Mannes…“) nicht orten könne. Und als sich das Publikum vor Ekel schüttelt, erklärt Polt seine Themenwahl: Politik ist ihm nämlich zu unappetitlich.

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