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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ausrasten statt einlenken

MAINZ (30. September 2013). Gesund ist das nicht, was Gernot Hassknecht da macht: Als Berufscholeriker regt er sich auf. Maßlos. Über alles. Und jeden. Die Nation kennt den Schauspieler Hans-Joachim Heist vor allem aus der ZDF-Satiresendung „heute-show“, in der er als eben jener Hassknecht aktuelle Themen kommentiert: Anfangs verständnisvoll lächelnd reißt er das Sujet an, um sich dann in Rage zu reden – so lange und laut, bis der Sender die Sequenz unterbricht und „um etwas Geduld“ bittet.

Bei aller Erregung wirkt der Mann auf der Unterhaus-Bühne allerdings seltsam abgeklärt. Zwar echauffiert er sich auch hier und stellt mit der Wiederholung des Wortes „Scheiße“ wohl jeden Schimanski-Krimi in den Schatten; doch scheint genau das das Geheimnis seiner inneren Balance zu sein: Nichts in sich hineinzufressen und öfters mal seinen Ärger herauszuschreien? Auch wenn der Kragen platzt, die Arterie bleibt unbeschadet.

Natürlich ist man hier im Unterhaus und kein Mediziner wird einem gegen zu hohen Blutdruck Aufregung verschreiben. Andererseits weist Hassknecht zu Recht darauf hin, dass jede Erfindung auf Unzufriedenheit basiere, die Beschwerde mithin Motor des Fortschritts sei. Und ist sie nicht auch Antriebsfeder des politischen Kabaretts?
Mit dem „Hassknecht-Prinzip“ lehrt der Mime das konstruktive Element des Ärgers und doziert: „Jeder Tag ohne cholerischen Ausraster ist ein verlorener Tag.“

Immerhin wusste schon Albert Einstein, dass der Mensch nur zehn Prozent seines Wutpotenzials nutz. Hassknecht pflegt autoaggressives Training, was ihm ermöglicht, sich sogar in einem leeren Postamt mit sechs von freundlichen Mitarbeitern besetzten Schaltern aufzuregen. Und wenn das nicht reicht, werden eben die sicherlich zu wenigen Sesamkörner auf der Semmel gezählt.

Alles kann seinen Jähzorn erwecken: das Privatfernsehen, die Bahn („Ich sage nur eins: Mainz!“), der Straßenverkehr, seine Frau Renate („Das Fass ohne Hoden!“), Investmentbanker, der Rentenbescheid, Facebook („Die blödeste Erfindung seit der Atombombe!“), die Familie und natürlich die Politik. Gerade in Deutschland habe der Berufscholeriker zu tun. Und für diesen Einsatz ist richtige Ernährung Pflicht: „Kein Gemüse, 80 Prozent Fleisch, viel Alkohol und Koffein – Sodbrennen ist eine gute Grundlage für Verhandlungsgespräche.“

Das „Hassknecht-Prinzip“ ist ein durch Einspieler aus der „heute-show“ medial passend aufgepepptes politisches Kabarett der ganz eigenen Art. Nur eine Woche zuvor sang Konstantin Wecker an gleicher Stelle: „Empört Euch!“, was sich Hassknecht nicht zwei Mal sagen lässt. Keine Frage: Als die Väter des Grundgesetzes das Recht auf freie Meinungsäußerung verankerten, ahnten sie nichts vom Berufszeig des Proficholerikers.

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