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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Hüschs Bruder im Geiste

MAINZ (16. Dezember 2011). Auch wenn der „Eisgenussverstärker“, so der Titel des aktuellen Programms von Erwin Grosche, wörtlich genommen wohl eher in den Sommer passen mag: Am Erfrischungsgehalt der gefühlten Tiefkühlkost gemessen kann man ihn das ganze Jahr über zu sich nehmen.

Und vielleicht war ja die Woche vor Weihnachten genau der richtige Termin für Grosche, seinem Unterhaus-Publikum diese Bällchen Frohsinn in einer Waffel aus knuspriger Kleinkunst zu kredenzen, denn keiner seiner Kollegen kann überzeugender große Augen machen wie ein kleiner Junge angesichts der Gabenflut, die da unterm Grün des Weihnachtsbaumes an den Tannenstamm brandet.

In einem Interview bekannte der doppelte Kleinkunstpreisträger der Jahre 1985 und 1999, er „versuche, keinem auf den Geist zu gehen“. Das überlässt er anderen, die mit plattem Witz Stadien füllen, den lauten Zeitgenossen. Denn Erwin Grosche ist leise und tönt vielleicht gerade deshalb umso nachhaltiger. Jede Wette: Ein Abend mit einer gehörigen Portion „Eisgenussverstärker“ bleibt einem länger in Erinnerung als die meisten Versprengten der Comedy, die statt der Bühne die Mattscheibe wählen.

Dabei braucht Erwin Grosche gerade dieses Holz, aus dem die weltbedeutenden Bretter gezimmert sind: Auf der Bühne fühlt er sich wohl. Und auch hier darf er mit seinen großen Kulleraugen staunen: Über die Welt, wie er sie sieht – und das Publikum, das sich die lohnenswerte Mühe macht, ihm zu folgen. Hierfür muss man nur seine Ohren öffnen – und sein Herz. Ein roter Knopf reicht für einen warmen Gedanken, eine andere Wahrnehmung.

Grosche, der öfter mit Kinderprogrammen als vor erwachsenem Publikum auftritt – am Tag nach dem „Eisgenussverstärker“ spielte der Paderborner ebenfalls im Unterhaus sein Familienprogramm „Pssst-Kiste“ –, erzählt Geschichten, die man nicht erwartet, deren Wendungen überraschen: Um zu entschleunigen, tankt er langsamer – besonders, wenn er’s eilig hat. Die Spekulatius-Offerte im Spätsommer nutzt er für ein Weihnachtsfest im Oktober: „Dann haben wir’s schon hinter uns.“ Im Allwetterzoo mault er über die abweisenden Tiere und streut Bonbonsätze ins Auditorium: „Übel gelaunte Alte sind nicht übel gelaunt, weil Sie alt sind.“ Oder dass sich Gruppensex ganz spontan ergeben müsse.

Grosche singt, Grosche spielt, zuweilen auf abenteuerlichem Instrumentarium. Man erfährt, dass er unter Wasser vor allem gemütliches Kaminfeuer vermissen würde und wie er den schönsten Tag seines Lebens verbringt. Eine Kaffeemaschine reicht, um für einen Ausritt über die saftigen Weiden seiner Phantasie aus dem Alltagstrott auszubrechen: Mit Klopapier lässt sich Nächstenliebe üben und der Wunsch nach einem Brötchen mit zwei oberen Hälften wird laut. Er fährt im Auto neben einem Jogger her und zitiert Hölderlin, um Sport und Geist zu vereinen. Der große, selige Hüsch und der – natürlich nur körperlich – kleine, vitale Grosche: Sie haben so viel gemeinsam.

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