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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Musikalischer Riesenspaß

MAINZ (5. März 2016). Es war der große Dirigent Leonard Bernstein, der sagte: „Es gibt keine E- und keine U-Musik, es gibt nur gute Musik und schlechte.“ Und so ist es auch kein Problem, dass Künstler wie der Kabarettist Hans Liberg die „heiligen Kühe“ der Tonkunst mit schelmischen Grinsen zu jener „Schlachtbank“ führt, die er, wie jetzt im Frankfurter Hof, aus diversen Instrumenten und stabilem Humor errichtet hat. Wäre er damit bereits vor hundert Jahren aufgetreten, man hätte ihn wahrscheinlich vor dem Concertgebouw Amsterdam an den Pranger gestellt.

Nein, Liberg macht sich weder über Musiker noch ihre Musik lustig. Und was heißt schon: „ihre Musik“? Es ist auch seine! Der Holländer ist studierter Musikwissenschaftler, beherrscht diverse Instrumente und liebt das Spiel mit Noten, Motiven und Akkorden. Aber er ist eben auch ein unglaublich agiler Spaßvogel, ein grandioser Clown, so dass er am liebsten das eine mit dem anderen vermischt. Und eigentlich ist jeder Ulk über ein bestimmtes Musikstück ja auch eine kleine Liebeserklärung: Nur, wer das Original ergründet und verstanden hat, kann es derart witzig und gleichsam liebevoll verfremden.

Libergs aktuelles Bühnenprogramm heißt „Attacca“. Dieser Begriff aus der Musiksprache besagt, dass sich ein folgendes Stück nahtlos an das vorangegangene anschließen soll. Für Liberg ist dieser Imperativ natürlich eine unnötige Aufforderung: Die Gag-Dichte ist so groß, dass ein Witz den nächsten jagt. Und keinesfalls sollte man zu lange darüber grübeln, was da gerade zu hören war – sonst verpasst man bereits die nächste Pointe. Mancher Scherz ist flach („Aber er füllt.“), mancher hingegen mit seiner Schlagfertigkeit einfach großartig: „Das nächste Stück ist in G-Dur – für die Jüngeren: mit einem Hashtag.“ Alles ist genau durchdacht, wirkt jedoch locker improvisiert.

Liberg nimmt dieses „Attacca“ immer wieder wörtlich und verbindet verschiedene Themen, Genres und Epochen. Bereits in seiner fulminanten Ouvertüre stehen Dave Brubeck, Bach und Billy Joel nebeneinander. Auch Liberg ist ein wahrer „Piano Man“, der auf der Tastatur in einer Terz Mozarts DNA ortet und aufzeigt, wo sich große Künstler der Gegenwart bei klassischen Vorbildern bedient haben. Man müsse einfach schlau mit seinem Material umgehen, habe ihm schon sein Freund Strawinsky geraten.

Gemeinsam mit seiner agilen Combo aus Ralf Adriansen am Schlagzeug und Remy Dielemans am Bass pflügt Hans Liberg so manche Schneise durch den gepflegten Garten der Klassik, stellt Zusammenhänge her, wo keine sind und führt das Publikum immer wieder aufs Glatteis. Bei diesem Künstler ist man sich nie sicher, welche Taste er als nächste drückt. Und sei es für Bachs Chor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ – angeblich aus dessen „Hämorrhoiden-Kantate“…

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