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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Kabarett mit Charakter

MAINZ (15. April 2018). Als Hazel Brugger die Bühne betritt, ist das Ergebnis des Bürgerentscheids um den Bibelturm schon bekannt. Über die Aufregung um dieses erste Mainzer Volksbegehren hätte die Schweizerin allerdings nur müde mit der Wimper gezuckt, so gängig ist das Plebiszit bei den Eidgenossen. Ohnehin umspielt nur selten ein Lächeln ihre Lippen – die stoische Mimik der 2017 mit dem Deutschen Kleinkunstpreis auszeichneten Kabarettistin gehört zum Konzept ihrer Komik.

Bruggers Wurzeln finden sich im Poetry-Slam – sie nennt es die „Paralympics der Literatur: Wenn man hier gewinnt, interessiert das keinen.“ Was sie in ihrem ersten Soloprogramm „Hazel Brugger passiert“ erzählt, offenbar schon – das Unterhaus ist an diesem Abend ausverkauft. Schnell hat die Schweizerin das Publikum um den Finger gewickelt, spielt mit seinen Reaktionen und provoziert mühelos kurz Applaus, um am Wasserglas zu nippen: „Kaum vorstellbar, dass Deutschland einmal eine Diktatur war.“

Brugger kann nachts nicht schlafen, erzählt sie. Stattdessen denke sie ununterbrochen dummes Zeug. Die Antwort auf die Frage, wie Fürze im Weltall riechen, schafft es nicht ins Programm. Dafür parliert die Kabarettistin höchst amüsant um das Wunder der Zeugung, Steuererklärungen oder Todesfälle „in und an“ Snackautomaten. Wie nebenbei teilt sie dabei blitzschnelle Seitenhiebe aus: in Richtung von Trump, FDP-Chef Lindner, den latenten Ausländerhass in der Schweiz oder die Religion.

Man hängt einfach an diesen Lippen und staunt über die messerscharfe Ironie der 24-jährigen Künstlerin, die ihren Spott in reichlich Sarkasmus mariniert hat und nun in stilvollem Duktus serviert; sprachliche Schlenker ins leicht Vulgäre sind dabei weit mehr als Garnitur. Kultur ist für Brugger wunderbarer Luxus, Kunst ein kleiner Beitrag zur Unsterblichkeit. Fraglos wird man sich an diesen Abend lange erinnern, an jenes „poetisch kraftvolle Bild“ eines unerigierten Penis, das Brugger auch noch szenisch darstellt: „Der Körper zu klein, die Kleider zu groß – und je nach Religionszugehörigkeit trägt er einen Rollkragen.“

Brugger rät, den Augenblick mit allen Sinnen zu genießen – ihr erstes Solo zeigt, wie Recht sie damit hat. Der Tod käme noch früh genug, wobei man sich dann wenigstens für nichts mehr schämen brauche. Für das, was sie hier bringt, muss Brugger auf keinen Fall erröten, sondern kann stolz auf den Charakter ihrer Kunst sein. Und man selbst freut sich schon auf weitere Abende mit dieser famosen Kabarettistin.

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