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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Heiter und böse, lyrisch und nachdenklich

MAINZ (22. Februar 2015). Der Glockengießer, bei dem das Mainzer Unterhaus die Trophäen für die Träger des Deutschen Kleinkunstpreises bestellt, hat hier einen treuen Kunden: Seit 1972 verleiht das Forumtheater die auf ihrem Gebiet wichtigste Auszeichnung in den Kategorien Kabarett, Musik und Kleinkunst; 1976 kam der Förderpreis der Stadt Mainz hinzu, 2008 der Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz – mittlerweile braucht es jährlich also fünf Glocken, um die besten Künstler zu ehren.

Für das Jahr 2015 erhielten die mit je 5.000 Euro dotierte Auszeichnung jetzt Christoph Sieber in der Rubrik Kabarett, Stefan Stoppok im Bereich Lied & Chanson sowie Matthias Egersdörfer im Bereich Kleinkunst. Über den Förderpreis konnte sich Martin Zingsheim und über den Ehrenpreis Gerd Dudenhöffer freuen. In der kurzweiligen und vom Fernsehen aufgezeichneten Verleihungsfeier bekamen die Künstler jetzt im Unterhaus Urkunde und Glocke überreicht, nicht ohne ihr beachtliches Können zum Besten zu geben.

Den „Beruf“ des Singer/Songwriter gab es schon immer – als Begriff ist er jedoch erst seit ein paar Jahren in aller Munde. Ein markanter Protagonist ist Stefan Stoppok, der „in seinen Liedern die poetische Seite des Alltags vermittelt“, wie es die Jury formuliert. Dass er das Handwerk des Liedermachers perfekt beherrscht, bewies er in Mainz mit eigenwilligen Songs zum Spezialistentum oder dem pädagogischen Ratgeber „Learning by burning“.

Matthias Egersdörfer hat nun zwei Unterhaus-Glocken: Erst 2010 hatte ihm die Jury den Förderpreis verliehen. Bei diesem Künstler wird die Nebensache zur Existenzbedrohung: Spindschlüssel, IBAN-Nummern, Computerspiele – und dann noch dieser Kleinkunstpreis. Egersdörfer erzählt auch das Absurdeste herrlich bildhaft und durch den fränkischen Dialekt packend lebensnah – wie immer schlecht gelaunt und daher umso amüsanter.

Christoph Sieber mag gebürtiger Schwabe sein – mit Pointen geizt er nicht. Von der Kunst der Pantomime herkommend hat er seinen Weg hin zum politischen Kabarettisten gefunden, der, so das Jurylob, „mit Witz und Verstand, dabei immer charmant und in seiner Haltung aber stets unerbittlich“ agiert. In Mainz brach er eine Lanze für die Satire, wobei man nicht fragen sollte, was diese dürfe, sondern müsse. Zu Pegida sagt Sieber: „Wenn das das Volk ist, bin ich um jeden Flüchtling dankbar, der uns mit denen nicht alleine lässt“, und von den Handy-Apps erwartet er, dass diese ihm die ehelichen Pflichten abnehmen, damit er sich mit der Gattin währenddessen ein Helene-Fischer-Konzert anhören kann. Bei diesem Kabarettisten bekommt der Wohlstandsbürger derart kräftig eingeschenkt, dass man sich am liebsten wegducken möchte.

Mit Martin Zingsheim ist einmal mehr ein Allround-Talent in der Riege der Förderpreisträger: Auf Anhieb geradezu harmlos wirkend überrasche er im nächsten Moment mit ausgesuchten Pointen, schrieb die Jury. Das Mainzer Publikum sah das genauso und amüsierte sich prächtig über den Künstler, der verbal und am Unterhaus-Flügel brillierte. Hier wurde Sprache zu Musik und umgekehrt, witzig und intelligent.

Gerd Dudenhöffer ließ auch an diesem Abend seinen Heinz Becker einmal mehr auf das Auditorium los und hielt, so die Jury, „dem Spießbürger in uns meisterlich den Spiegel vor“. Eine sympathische Geste war, dass sich Dudenhöffer bei den Unterhausbesuchern bedankte, denn ohne Publikum könnte er nicht auf sein heute ausgezeichnetes kabarettistisches Lebenswerk zurückblicken.

Die von Volker Pispers, der den Deutschen Kleinkunstpreis selbst bereits 1995 erhielt, moderierte Preisverleihung ist mehrmals im TV zu sehen: 3sat sendet die Aufzeichnung am 1. März um 20.15 Uhr, das ZDF zieht am 6. März um 00.59 Uhr und ZDFkultur am 5. April um 21.40 Uhr nach.

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