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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Aufregen als deutsche Tugend

MAINZ (19. Mai 2017). Auch für die Kleinkunst gilt, dass das Bessere immer ein potenzieller Feind des Guten ist. Und umgekehrt: Wer ein richtig gutes Programm gespielt hat, muss sich genau daran messen lassen. Mit „Auch Veganer welken“, einer gelungen, hintersinnigen und auf eigenen Erfahrungen beruhenden Nabelschau auf Essgewohnheiten, legte Holger Paetz die Messelatte äußerst hoch. Sein neues Programm heißt „Ekstase in Würde“.

Um es gleich zu sagen: Die geweckten Erwartungen wurden nicht zur Gänze erfüllt, denn auch wenn vieles von dem, was Paetz an diesem Abend sagt, klug und durchdacht ist, bleibt der Kabarettist doch über weite Strecken extrem sprunghaft und fordert vom Publikum eine Aufmerksamkeit, die von der Präsentation nicht immer aufgewogen wird. Oft ist es nicht mehr als ein Aufregen, das sich dann zur Raserei weiten soll – wie der Anruf beim Telekom-Kundendienst

Ekstase in Würde? Auf den ersten Blick mögen die beiden Pole tatsächlich als unvereinbar gelten. Doch Paetz ist der Richtige, um hier eine Brücke zu bauen: Auch er ist als Nörgler kritisch und oft ansprechend witzig zugleich, verkörpert dadurch selbst einen Widerspruch. Schon das Plakat spricht Bände: Im Spiegel erblickt man einen freudestrahlendes Konterfei, dessen Original einen doch gleichzeitig missmutig über die Schulter anstarrt.

Der Abend beginnt tagespolitisch mit Trump, der den Bayern in den Wahnsinn treibt. Doch Paetz ist auch Deutscher – und diesem sei Ekstase ja eher wesensfremd, Fußball und Karneval ausgenommen. Gerade bei letzterem sei die Begeisterung aber oft Pose – wie in der Politik. Womit man rasch beim Schulz-Hype ist, den Paetz mit einer Ballade von der armen SPD und dem heiligen St. Martin kommentiert: „5000 neue Mitglieder hungern nach Brot und Fischen, doch der Messias kann sie nicht sättigen.“

Natürlich gehört auch das Körperliche zur Ekstase – bei Paetz fängt es beim Niesen an und geht über das adoleszente Tanzen im evangelischen Jugendclub (und die Flatulenz, der er gar eine Sonate dichtet) bis hin zur religiösen Verzückung und mit rasantem Hakenschlag weiter zur Beschneidung, was nun wieder mit Würde nichts zu tun habe.

Überhaupt die Religion: Zur aktuellen Luther-Euphorie zitiert er den Kirchenmann mit Sätzen, die so gar nicht zu Toleranz und Gleichberechtigung passen wollen. Und dann kommt er wieder in der Politik an: im bierseligen Jubel der CSU-Wähler („Leitkultur ist das, was die Leit‘ wollen.“) oder bei Merkels widersprüchlicher Flüchtlingspolitik. Gerade über letztere regt sich Paetz auf: über anfängliche Ekstase, die würdelos ende.

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