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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Irgendwo im Nirgendwo

MAINZ (1. Oktober 2012). Wolfgang Borcherts berühmtes Nachkriegsdrama beginnt mit den Worten „Ein Mann kommt nach Deutschland“ – das aktuelle Programm des Kabarettisten Holger Paetz trägt den Titel „Ganz fest loslassen“ und könnte im Drehbuch mit den Worten „Ein Mann will Deutschland verlassen“ beginnen – eigentlich sogar: diese Welt, denn der Bühnenheld will gänzlich aussteigen.

Man hat ihn aus dem Zug geworfen. Wo? Keine Ahnung: „Vor oder hinter Nürnberg?“ Egal, denn überall findet der Misanthrop Gründe, die ihn zu seiner Flucht zu sich selbst veranlassen. Schon der Bahnhof, auf dem der Fahrkartenautomat wenn überhaupt dann immer jenseits des Regendachs und stets so im Sonnenlicht steht, dass man das Display nicht lesen kann, regt ihn auf. Irgendwo im Nirgendwo und ohne Netz – „So smart bist Du gar nicht“, sagt er zu seinem Mobiltelefon – wünscht sich Paetz statt eines Navigationsinstruments eine „Waschstraße für innen“. Im Auto setzt er auf die gehäkelte Klorolle, Hut und fremdes Kennzeichen: „Dann lassen Sie Dich in Ruhe und umfahren Dich weiträumig.“

Nein, ein Menschenfreund ist dieser Charakter, den Paetz im Unterhaus mit feiner Mimik schraffiert, nicht: Im Zug will er allein sitzen, bellt den Speisewagenkellner an und moniert im „ausgewiesenen Pst-Bereich“ nervende Mütter und andere lautstarke Mitreisende. Natürlich kommt auch das realsatirische Telefongespräch der sich fortbewegenden Salamisemmel aufs Tapet: „Ich bin jetzt im Zug!“

Wie eine Patchwork-Decke setzte Paetz seinen Appell „Ganz fest loslassen“ zusammen und dokumentiert mit diesem textimmanenten Widerspruch doch nur die Unmöglichkeit, aus dem Alltag zu fliehen. Ohnehin ist das Loslassen ein Problem, wenn in einer Stadt wie München ebendies schon zur eigenen Industrie gemacht wird und vom Zulassen, Weglassen, Auflassen und Einlassen flankiert wird. Da bleibt oft nur der Burnout, eine Erscheinung, die Paetz mittlerweile schon als Pflicht für jedes anständige Bewerbungsgespräch ansieht: „Früher nannte man das einen engagierten Mitarbeiter.“

Dennoch: Hinterfragen darf man. Und das tut der Kabarettist in vielen gut gespielten Szenen, mit gesteppten Poemen, mit dem Blues im Supermarkt, englischer Artikulation und elegant formulierter Hinterhältigkeit: „Vom Reichtum soll man die Finger lassen – predigen die Reichen der Welt allen anderen.“

Die Eurokrise nutzt er zu Rückblicken auf „Platz da-Germanen wie Gerhard Schröder“ und fragt sich, ob die deutschen Abgeordneten immer so genau wissen, worüber sie bei Merkels Finanzpolitik abstimmen: „Aber ein Rindvieh forderst Du ja auch nicht auf, einen Bolzenschuss-Apparat zu erklären.“ Das Programm ist in sich fragil und zuweilen bruchstückhaft. Aber aus einer heilen Welt müsste einer wie Paetz ja auch nicht fliehen…

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