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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Entlarvende Naivität

MAINZ (6. Juli 2014). Vor über einem Jahr gastierte Horst Evers an drei aufeinanderfolgenden Abenden im Unterhaus und las – allerdings nicht wie gewohnt: Statt eines strukturierten Vortrags erlebte das Publikum ein Stück weit die Genese des aktuellen Programms „Hinterher hat man’s meist vorher gewusst“, denn Evers probierte seine Geschichten und maß an der Reaktion des Auditoriums, wie sie ankommen.

Nun liegt das neue Programm vor und die Auswahl, die der Kabarettist getroffen hat, ist eine feine: Evers räumt beispielsweise seine Mitschuld an der immer weiter verschleppten Eröffnung des Berliner Flughafens ein, zeigt neue Nutzungskonzepte auf und rät, für architektonische Feinheiten jemanden einzustellen, der gerade seine gesicherte Stellung aufgegeben hätte – Tebartz-van Elst: „Für 30 Millionen Mehrkosten setzen die in Schönefeld noch nicht mal eine Pressekonferenz an.“ Zuweilen braucht sich Evers eben kaum mehr etwas auszudenken, so absurd ist die Wirklichkeit, die dann nur noch entsprechend verknüpft und in Worte gekleidet werden muss – und hierin ist der Wahlberliner ein Meister.

2008 erhielt der Kabarettist den Deutschen Kleinkunstpreis. Die Jury lobte damals, dass dieser Geschichtenerzähler „Menschen und Gegenstände mit ins Extrem getriebener kindlicher Naivität“ betrachte. Und genau das ist der sympathische Winkelzug, mit dem Evers alles zum Thema machen kann: Mit seinen großen Augen schaut er in die Welt, erlaubt sich zuweilen ein Kichern ob des eigenen Humors. Der freie Vortrag gelingt lebendiger als die gelesene Geschichte, grandios sind die teils aberwitzigen Kuriositäten allemal.

Was wohl ist in seinen Geschichten Realität? Evers unterscheidet hier pfiffig zwischen Wirklichkeit und Wahrheit. Doch manche Szenen, die dann fast schon plastisch zu „Erlebtem“ verdichtet werden, kennt jeder im Publikum und zuweilen ist ein wiedererkennendes Murmeln zu hören. Der Clou ist eben, dass alles so gewesen sein könnte: das Verbuddeln der Wertsachen am Ostseestrand, die Nachbarskatze Hilde von Bingen, die tote Vögel auf die Fußmatte legt oder die Chicorée-Salami, die eine frühere Schwiegermutter in spe auch 20 Jahre nach Beziehungsende auf dem Postweg schickt.

Evers Umgang mit „Tatsachen“ ist dabei ein stoischer Fatalismus, der dem Niedersachsen ohnehin in die Wiege gelegt ist: Alles wird als gegeben hingenommen und akzeptiert; doch allein durch die scheinbar unberührte Wiedergabe auch der größten Katastrophe wird diese mit spitzer Feder karikiert, das Abwegige mit feiner Phantasie umrissen. Diese Rebellion mit leisen Tönen führt dazu, so das Jury-Lob vor sechs Jahren, dass Evers „die Wirklichkeit mit grotesker Weltsicht austrickst“.

Der Künstler hat dieser Tage übrigens ein Buch außerhalb seiner Geschichten-Programme vorgelegt: Brandaktuell zur Fußball-WM in Brasilien nimmt er in „Vom Mentalen her quasi Weltmeister“ auf 272 Seiten über 50 verschiedene Völker unter die Lupe und untersucht deren nationale Eigenheiten und Klischees. Außerdem hat der Kabarettist auch ein Händchen als Autor von Kriminalkomödien: Im September 2012 erschien sein Roman „Der König von Berlin“.

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