Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Kleinkunst

Implodierte Sinntiefe

MAINZ – Er ist fix und fertig: Rainald Grebe hat sein Management gewechselt und muss jetzt alles machen. Da kann man froh sein, wenn man im ausverkauften Frankfurter Hof dabei ist, denn Kleinkunst gehört für den Dadaisten unter Deutschlands Liedermachern nun zu den Ausnahmen.

„Betriebsfeste, Galas und Insolvenzeröffnungen“, rattert Grebe seine Verpflichtungen herunter und drückt auf die Taste, die James Blunts „You‘re beautiful“ oder Chris de Burghs „Lady in red“ abspult. Wie „Aale-Dieter“ vom Hamburger Fischmarkt preist er sich an und in dichten Kunstnebel gehüllt singt er „I want to know what love is“ von Foreigner.

Gebannt wartet das Publikum auf den großen Knall, mit dem Grebe es aus der seichten Schlichtheit der Schlagerschnulzen befreit, in das er es bis jetzt geführt hat: „Ich singe ja kaum noch eigene Sachen“, klagt der Kabarettist und blickt mit weit aufgerissenen Augen ins Rund. Allein: All das gehört schon dazu. Der Knall ist die Krise. Und Schuld an ihr ist alles, was Rainald Grebe in seinem „Honkongkonzert“ besingt.

Da ist die Litanei auf die uniforme Fußgängerzone, diese „Fresse der BRD“. Da ist Sachsen, dem sich der Sänger im vierten Part seines Fünfteilers auf die „neuen Länder“ widmet. Da ist der „Urlaub in Deutschland“ zwischen Goethe und Bärlauch und da ist „Karoshi“, in Japan der Tod durch Überarbeitung. „Wir werden irgendwann mal drüber lachen, wie wir die Euros in Wäschekörben zum Bäcker getragen haben“, ätzt Grebe.

Durch diesen ganzen Wust schaufelt er sich bis nach Asien, wo er in Honkong von seinem früheren Schulfreund Axel für einen Auftritt engagiert wird. Denn auch hier knarzt es gewaltig und eine Unterhaltung mit einer schwerreichen Dame – „Die erste Milliarde ist immer die schwerste…“ – dient als Ventil, um sich über die Neureichen und ihr besitzbetontes Wesen einen garstigen Reim zu machen.

Rainald Grebe meidet die deutliche Anspielung wie der Teufel das Weihwasser. Man muss genau zuhören; doch dann entdeckt man unter den vielen schillernden Farbschichten des scheinbaren Nonsens eine Spitze, die trifft. Noch bevor Grebe mit der japanischen Winkekatze die Brücke nach Fernost auch optisch schlägt, singt er von einer chinesischen Invasion im heimischen Wohnzimmer: Hier wird kein Klischee ausgelassen und erst ganz am Schluss, nach dem ewigen Lächeln und dem Hund im Kühlschrank platziert Grebe kommentarlos das Wort Menschenrechte.

Trotzdem darf auch aus vollem Hals gelacht werden: Mit Mundschutz intoniert der Sänger Xavier Naidoos „Wenn ein Lied meine Lippen verlässt“, verleimt unzählige Werbeversprechen zu einer gigantischen Collage oder summt sich durch sämtliche Ballermann-Hits: „So eine Platte wird ganz schnell vergoldet. Und meine Lieder höchstens vernickelt…“ Zuweilen lässt sich Mitleid am besten mit Applaus ausdrücken.

zurück