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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wörterreiche Sprengsätze

MAINZ (10. März 2017). „Möglicherw. ab 18“ hieß das Programm von Kay Ray, in dem er vor versammeltem Unterhaus blankzog und mit seinem Gemächt Tiere modellierte – es gibt Bilder, die kriegt man nicht mehr aus dem Kopf.

Aber bei diesem Künstler ist es wie mit einem Crash auf der Autobahn: Ob man will oder nicht – man stiert die zermalmten Karosserien an. „Es gab Menschen, die haben damals lauthals protestiert – und sind dann immer wieder in mein Programm gekommen“, erzählt Kay Ray im Verlauf seiner aktuellen Show mit dem Titel „Yolo“.

Das steht für den Satz „You only live once.“, zu Deutsch: Du lebst nur einmal. Also verschwendet Ray wieder mal keine Zeit für die viel beschworene Political Correctness und gibt der heiligen Kuh einen munteren Klapps in Richtung Schlachtbank. Zugegeben: Diesen Mann möchte man nicht unbedingt im Diplomatischen Dienst sehen – aber als Kabarettist hat er was zu sagen. Man muss nur hinhören, auch wenn’s zuweilen wehtut.

Denn Rays Humor ist grenzenlos: „Ich kenne keine Schwarzen und Weiße, Dicke und Dünne, Kranke und Gesunde: Ich kenne nur Menschen und Unmenschen.“ Was für ein Satz! Unmenschen, das sind in den Augen des Künstlers Pädophile, was ihn schnell mal einen Schlenker nach Limburg machen lässt: War da nicht jüngst etwas in der katholischen Kirche? Zuweilen hält man die Luft an, doch die Nonchalance, mit der Ray seine Gags bringt, kitzelt doch zu arg: Irgendwann ist es egal und man lacht selbst über Minderheitenwitze, die Ray mit bestechender Logik rechtfertigt: Wenn er jemanden ausspare, sei das diskriminierend. Und ganz wichtig: Ray stellt niemanden bloß, sein Humor ist scharf, doch er verletzt nicht.

Mit wallender Mähne und schrillem Outfit füllt der Künstler die Bühne, auf der sonst nur zwei Barhocker und ein Mikrofonständer stehen, mühelos aus. Gesungen werden eigene Songs und Coverversionen wie „The A Team“ von Ed Sheeran oder Kate Bushs „And Dream of Sheep“. Der Mann hat eine Stimme, die sowohl in tenoraler Lage als auch mit sattem Bariton wunderbar voll intoniert. Doch Kay Ray ist vor allem ein Mann des Wortes – roh und ungefiltert, scheinbar ohne nachzudenken herausgeplaudert.

Dieser Schein aber trügt: Ray denkt viel nach, auch wenn es schmerzt. Und so klingt das Wort Mainstream hier wie eine ansteckende Krankheit und der Tabubruch wird zur Waffe: „Wenn ich alles das, was man nicht darf, nicht mache, dann mache ich nichts“, benennt Ray die Alternative. Dann doch lieber Witze über Rays Schuhe, die er vor einer Moschee gefunden hat: „Da standen ganz viele!“ Oder die Ganzkörper-Burka, deren Stoff das Wasser aus dem Becken saugt. Schwulenehe, Flüchtlinge, Terror, rechtes Denken – statt vorgefertigte Meinungen zu propagieren, rennt Ray mit schamlosem Humor gegen die Mauern in den Köpfen an. Wenn sich der Staub, der durch diesen destruktiven Spaß aufgewirbelt wurde, gelegt hat, wird man sehen, welche Überzeugungen standgehalten haben. Mehr kann ein Kabarettist nicht erreichen.

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