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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Und das Känguru hört zu

MAINZ (20. Februar 2011). Unterhaus-Chef Ewald Dietrich hatte an diesem Abend als „Türsteher“ ungewöhnlich viel zu tun, galt es doch, sich vom vor allem studentischen Publikum die Ausweise für den ermäßigten Eintritt zeigen zu lassen: Volles Haus an einem Sonntag für vier junge Künstler – das hat in Mainz eher Seltenheitswert.

Und das, was der Abend bot, erst recht. Denn mit Marc-Uwe Kling, Sebastian Lehmann, Maik Martschinkowsky und Kolja Richter spielten vier Kabarettisten, die es an Ideenreichtum, Bissigkeit und vor allem Originalität mit jedem „alten Hasen“ aufnehmen können – was die sicherlich freuen dürfte.

Kling ist im Unterhaus kein Unbekannter mehr, seitdem er mit seinem salonbolschewistischen Känguru seine Fangemeinde wachsen lässt. Der gleiche anarchistische und sich doch im Hier und Jetzt verwurzelt wissende Geist weht auch durch das Programm „Über Wachen und Schlafen“. Hier wird das klassische Ensemble- und Nummernkabarett einmal mehr zum Ereignis. Doch statt die Patina des politischen Protests zu polieren, erheben diese fantastischen Vier ihre Stimme nachhaltiger.

Mit gekonnt adaptierten Anleihen an die legendäre Truppe von Monty Python sprengen Kling & Co herkömmliche Formate und lassen aufhorchen: Eine „Beschimpfung des Mittelstandes“ (Martschinkowsky) ist brillant treffend, das Bemühen um Menschenrechte, Freiheit und Demokratie wird so lange betont, bis es zur Wortblase verschwimmt und Politikersprache als passendes Pendant entlarvt.

Tiefgeistiges wird mit bewusster Sinnlosigkeit konfrontiert, wobei sich das Quartett den Problemen seiner Generation annimmt: Praktikantendasein, Bewerbungsgespräche und soziale Netzwerke wie beispielsweise das neue für Obdachlose: „Xingin‘ in the rain“. Nicht zu toppen ist die Auseinandersetzung mit dem Medium Computer und dem wichtigsten Arbeitsgang „Copy & Paste“, zu Deutsch: kopieren und einfügen.

Bei aller bestens gemachten Unterhaltung kann man jedoch nicht überhören: Hier wird protestiert, wird der Terror mit dem Terror fokussiert und der Überwachungsstaat ad absurdum geführt, wenn sich der Beobachtete über die Wanze mit seinen Mithöreren unterhält, ihnen Hörspiele einlegt oder seine Träume erzählt.

In herrlich lässigen Geschichten berichten die vier von einer technisierten Welt in Form des Navi (Lehmann), von mythologischen Warteschlangen in Telefonhotlines (Kling) und dem Verlust des Wesentlichen (Richter), lassen zur Klage über ein verlorenes Fluggepäckstück gar Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ einspielen. Kurzum: Intelligenter Witz, Mut, Frechheit und vier Stimmen, die etwas zu sagen haben – das Unterhaus war zu Recht ausverkauft.

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