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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Große Freiheit Nr. 1

MAINZ (10. Oktober 2014). Freiheit – ein großes Wort und ein noch größeres Thema: Aktuell flüchten unzählige Menschen vor Terrorregimen, diskutiert man das Ausspionieren von Telefonaten und E-Mails, darf wählen und tut es vielerorts dann doch nicht – ein Leckerbissen für jeden Kabarettisten also.

Lars Reichow widmete sich dieser Zutat und kreierte daraus für sein neues Programm ein schmackhaftes Pointen-Buffet mit nachdenklichen Beilagen, privater Garnitur und gefühlvollem Dessert. Die „tausend pro-rheinhessischen Separatisten und wohl auch einige Wiesbadener“ feierten ihren Mainzer Kabarettisten jedenfalls begeistert.

Der macht zu Beginn von seiner Meinungsfreiheit regen Gebrauch und spielt sich mit politischem Streufeuer geschmeidig warm: Der Wechsel von Ex-FDP-Entwicklungsminister Dirk Niebel zur Rüstungsindustrie sei für ihn, wie wenn Andrea Nahles von der SPD eine Kleiderfabrik in Bangladesch eröffne, wundert sich Reichow: „Mit 100-Stunden-Woche.“ Für die CDU bohrt sich dann die erste lokale Spitze ins Zwerchfell des Auditoriums: „Wer Günther Öttinger zu Europas Digital-Kommissar macht, der kann auch Christopher Sitte damit beauftragen, den Mainzer Weihnachtsmarkt zu organisieren.“

Reichow parliert am Stehtisch genauso elegant wie am Klavier: Da gibt es ein Telefonat zwischen Merkel und Putin anlässlich der Ukraine-Krise, da definiert der Kabarettist für sich persönlich den Freiheitsbegriff, besingt einen freien (und plötzlich unsagbar langweiligen) Tag, das lebensgefährliche Treiben von Diktatoren oder das von Shopping-Queens, die sich im digitalen Markt der Möglichkeiten verlieren.

Vom eigentlichen Thema entfernt sich Reichow zuweilen, ohne es aber aus den Augen zu verlieren – Künstlerfreiheit eben. Oder er bindet es galant in den wohnmobilen Familienurlaub in Norwegen ein, wo ihn die Enge des Gefährts eher an ein Gefängnis erinnert. Und wo ist der Mensch nicht alles unfrei, sogar freiwillig: am Kaffeevollautomaten, der einen mit seinen Entkalkungs-Kommandos knechtet oder am Mobiltelefon, das einen immer mehr ver-app-elt? Und was ist mit dem Alter? Schließlich ist Reichow jüngst 50 geworden.

Er wolle „nicht den Gauck machen“, hatte er zu Beginn versprochen. Und so gibt es statt salbungsvoller Mahnungen kabarettistische Juwelen aus Reichows Ideenschmiede. Wenn er davon spricht, wie gut es uns in unserer Freiheit geht, bleibt er nicht stehen, sondern macht einen beherzten Schritt auf die zu, denen es anders geht: „Freiheit ist auch, etwas für die Flüchtlinge zu tun!“ Verdienter Szenenapplaus. Ein weiteres, ganz kleines, leises Lied malt das grausige Bild eines sinkenden Kahns im Mittelmehr. Wie will Reichow hier die Kurve kriegen?

Er ist so frei und nimmt sie buchstäblich mit Gewalt, als Stammtischbruder im breitesten Meenzer Dialekt, der gerne was für Ausländer tun möchte: „Aber nischt jetzt. Und andersderwo.“ – eine humoristische Kehrtwende, die ob ihrer schmerzlichen Heftigkeit gelingt. Chapeau! Die Premiere von „Freiheit“ zeigt Kabarett vom Fach wie vom Feinsten.

Und ganz am Schluss, nach dem obligatorischen „Mainz-Lied“, wendet sich Lars Reichow an seine Frau Anja und widmet ihr ein dankbares Liebeslied, das unter die Haut geht: „Nur durch Deine Liebe fühle ich mich befreit!“ Dieses Gefühl hat er seinem Mainzer Publikum an diesem Abend ebenfalls gegeben.

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