Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Kleinkunst

Wo Enthaltsamkeit Spaß macht

MAINZ (23. März 2012). Sie sagen von sich selbst, ihr Programm „Lustschreie“ sei die konsequente Weiterentwicklung des Vorgängers „Triebgesteuert“: Andreas Etienne und Michael Müller sind eigentlich zwei Vollblut-Comedians, die als rheinische Frohnaturen das zwischenmenschliche Hickhack zur besonderen Kleinkunstform erhoben haben.

In ihren Dialogen ähnelten sie bislang einem verkniffenen Ehepaar wie einst die legendären Mimen Walther Matthau und Jack Lemmon. Auch sie spielten die sich hassliebenden Nachbarn – zwei Rollen, die Etienne und Müller in früheren Auftritten mit Gartenzaun und Kunstrasen auf den Leib geschrieben waren.

Doch anstatt sich im anderen zu spiegeln sind sie im aktuellen Programm die Antipoden, die sich gegenseitig die Nummern durchkreuzen. Das ist anfangs durchaus nicht unlustig, ermüdet jedoch über die Länge des Programms hinweg, da der Abend aus nicht gerade lustvoll zusammengezimmerten Nummern besteht.

Müller gibt dabei den seriösen Conférencier, der sich mit wohlformuliertem Duktus zu vergleichsweise ernsten Themen äußern möchte, während Etienne ihm wohlgelaunt in die Parade fährt: Ihn kennt das Fernsehpublikum als Köbes, den Wirt im „Stratmanns“, einer der Kabarettsendungen im WDR; Müller hingegen ist begnadeter Parodist in der preisgekrönten selbstironischen Sendung „Switch reloaded“ des Privatfernsehens.

„Sie sollen sich amüsieren und vergessen“, formuliert Etienne den eigenen Anspruch des Abends im Mainzer Unterhaus. Doch schnell vergisst man sich zu amüsieren, denn das Programm folgt keiner inneren Logik: Das Rentnerpaar, das sich durch den Verkauf des Bonner Telefonbuchs als Steuersünderdatei eine Kreuzfahrt finanzieren will, der Sketch über die mangelhafte Akustik des nachbarschaftlichen Geschlechtsverkehrs, die furzende Kuh und ihre Verantwortung für die Klimaerwärmung, die Rede des närrischen Funktionärs, der über das „Betreute Trinken“ von Jugendlichen referiert – die meisten Gags sind so vorausschaubar wie flach. Hier nutzt es auch nichts, dass sich Müller als „Hochleistungs-Comedian“ mit einem „Lalabolika-Derivat“ dopt, was bei Etienne dank Überdosierung eine aufgedrehte Penetranz zur Folge hat.

Als zankende Nachbarn waren die beiden um Klassen besser, weil sie hier Rollen mit Leben erfüllen konnten. Das aktuelle Programm aber macht seinem Namen keine Ehre und ruft alles andere als „Lustschreie“ hervor. Da denkt man doch lieber an die noch andauernde Fastenzeit und ihre kanzelseits postulierte Enthaltsamkeit, denn an diesem Abend lassen Etienne und Müller einen eher aufstöhnen – und das eher alles andere als lustvoll…

zurück