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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Neue „Lapsuslieder“ von Marco Tschirpke

MAINZ – Wenn der Applaus das Brot des Künstlers ist, hatte der Kabarettist Marco Tschirpke während seines Gastspiels im Unterhaus nicht viel zu beißen, sondern bekam sein Abendmahl erst am Ende des Auftritts. Andererseits lässt die Askese den kreativen Geist ja oft zu Höchstformen auflaufen. Und genau das passiert bei Tschirpke in seinem zweiten Soloprogramm „Lauf, Masche, lauf!“

Höchstform ja, aber Form im Allgemeinen? Denn in eine bestimmte Form passt das, was Tschirpke da auf der Bühne macht, keinesfalls. Seine „Lapsuslieder“ sind verstörend kurze Gedichte, oft nur fragmentarische Zweizeiler, die jedoch nicht selten das beinhalten, wofür manch Klassiker sich einst den Wolf gedichtet hat. Oft sind es auch nur kuriose Anfänge, die schnell wieder abbrechen. So wird aus dem angekündigten Protestsong gegen das Privatvermögen „Hände weg von meinem Ferrari“ nur ein kurzes Lied ohne Worte, weil Tschirpke der Bolide fehlt.

Der Mann ist auch ein gewiefter Pianist. Mal mutet es wie sinfonische Klaviermusik an, mal wird frisch und frei gejazzt, was feixend mit dem Satz „Tut mir leid, ich muss jede Chance zum Üben nutzen“ kommentiert wird. Dass solche Bonmots nie Applaus heischend und anbiedernd daherkommen, ist ein besonders angenehmes Gütezeichen dieses Kleinkünstlers.

Tschirpkes Dichtung zeigt, dass der Autor von der Sprache schlicht begeistert ist. Und sie lässt sich durchaus an Texten von Kollegen wie Robert Gernhardt messen. Im freien Umgang mit Reimen verknüpft der Kabarettist hier Wörter und Silben eigenwillig zu pittoresken Gebilden.

Ein Lieblingsthema ist dabei die bildende Kunst, der mit viel Witz und doppelbödigem Humor nachgespürt wird: „Von Kohle gezeichnet“ sind da sowohl die Kinder von Käthe Kollwitz als auch die heutigen Kids. Gelungen sind auch die kleinen Attacken auf große Künstler: Vor einem Werk von Joesph Beuys stehend verlangt er vom Audio-Guide keine Erklärung, sondern eine Rechtfertigung, paraphrasiert Goethes „Wanderers Nachtlied“ in eine Version für Rentner und bezeichnet das Buch „Regenkatze“ aus der Feder von Sarah Kirsch als „schön gebunden“.

Eine Glanznummer ist der Mailwechsel zwischen Tschirpke und einer Focus-Autorin anlässlich eines schriftlich geführten Interviews, der den Kabarettisten über die „Pressefreiheit, Texte zu verstümmeln“ nachdenken lässt: ein Lehrbuchstück für jeden Journalisten!

Und dann gibt es auch wieder herrlichen Nonsens: Ein Prankenhieb auf die Tastatur wird als Stockhausens Stück „Ungern in Ungarn“ tituliert und ein populäres Medikament, das laut Werbung den Magen aufräumt, wird gefragt, warum es dann vor der Wohnung des Erkrankten Halt macht.

Marco Tschirpke hat einfach einen Heidenspaß daran, seine Zuhörer zu verwirren: „Ich werde Vater“, beginnt er und erntet beklatschte Gratulation. „Ich werde Vater sagen“, setzt er erneut an und hat sein Publikum schon auf dem Holzweg, auf den er munter weitere Bohlen nagelt, wenn er noch einmal beginnt: „Ich werde Vater sagen: Du wirst Opa.“ Ach, man möchte ihm noch stundenland zuhören…

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