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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Sehen mit den Ohren

MAINZ (15. Januar 2014). Den Thriller „Psycho“ bringt man selbstverständlich zuerst mit dem Namen Alfred Hitchcocks in Verbindung. Der geniale Regisseur schuf 1960 den packenden Film mit der bekannten Duschszene, in der der von Anthony Perkins gespielte Norman Bates den weiblichen Motelgast niedermetzelt. Auch die Bernard Herrmanns Musik hierzu mit dem markanten Staccato der Streicher ist Legende.

Die Handlung beruht jedoch auf dem Roman „Psycho“ von Robert Bloch, der 1994 im Alter von 77 Jahren in Chicago starb. Der Schauspieler Matthias Brandt und der Pianist Jens Thomas haben sich ebendieser Geschichte angenommen und präsentierten eine gefühlt szenische Lesung im ausverkauften Frankfurter Hof. Wer glaubte, mit Hitchcock das Grauen von „Psycho“ schon zu kennen, erlebte es an diesem Abend aus neuem Blickwinkel und hautnah: Brandt und Thomas fesselten ihr Publikum mit Wort und Klang an die Stühle und ließen es 80 Minuten lang mit den Ohren sehen.

Der Plot ist jedem Cineasten vertraut: Eine attraktive Dame strandet im Regen in Bates Motel, das abseits des Highways liegt. Sohn Norman betreibt es mit seiner Mutter. Nur ist die schon lange tot – was der Filius nicht so recht begreift und sich vom mittlerweile mumifizierten Leichnam weiter drangsalieren lässt: Rauchen verboten, kein Alkohol, keine Frauen. Als nun Mary in jener Nacht auftaucht, beobachtet Norman sie beim Duschen. Und kommt als Mama verkleidet mit dem Schlachtermesser vorbei. Die Mutter war’s und der Sohn beseitigt die Spuren. Natürlich kommt ihm die Polizei auf die Schliche – und Norman in die Psychiatrie.

Hitchcocks Schwarz-Weiß-Film hat Geschichte geschrieben. Doch das, was Matthias Brandt und Jens Thomas hier bieten, ist mindestens ebenso packend: Live und in Farbe fiebert der Zuhörer mit, während der Pianist mit Adaptionen der Band AC/DC den Soundtrack für’s Kopfkino spielt: Die „Hells bells“ schwingen kräftig, wenn Thomas in die Tasten greift, den Resonanzraum des Bechstein für feine Pizzicati nutzt und Akkorde ins Auditorium weht.

Und Brandt liest. Er kennt sich mit dem Bösen aus, jagt es als Kommissar Hanns von Meuffels im „Polizeiruf 110“, verkörperte es 2013 selbst phänomenal als Vergewaltiger im Film „Eine verhängnisvolle Nacht“. Der Mime liest so intensiv, dass man den linkischen Bates geradezu plastisch vor sich agieren sieht. Mit ruhigem Timbre wiegt Brandt seine Zuhörer in vermeintliche Sicherheit und reißt sie mit einem Aufschrei wieder heraus.

Die Romanadaption gelingt auch deswegen so bemerkenswert, weil Brandt und Thomas Hitchcock nicht imitieren. Selbst in der Duschszene widersteht der Pianist der Versuchung, die reißerische Musik zu zitieren. Somit wird aus diesem „Psycho“ etwas Eigenes, Großartiges. Gibt es eigentlich einen Oscar für Lesungen? Brandt und Thomas hätten ihn verdient.

Foto: Sitacuisses/Wikipedia

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