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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Erinnerungslücken gefüllt

MAINZ (12. Februar 2014). Natürlich, der Name ist Programm und Verpflichtung zugleich: Deutschmann. Wer so heißt, kann doch eigentlich nur Kabarettist werden, wenn ihm die Intelligenz den Weg zum nationalistischen Denken und Fühlen versperrt.

Matthias Deutschmann begann seine Karriere, als es die höchste Pflicht der Kleinkunst war, „im Schatten von 1968 den Spießbürger zu entlarven“ – selbstironisch und kokett reflektiert der Mann mit dem Cello seine berufliche Laufbahn, was er stets auch an politische Ereignisse knüpft. 1985 spielte er erstmalig im Mainzer Unterhaus, eingeladen von Hanns Dieter Hüsch. Und heute? Gebe es deutsche Comedy: „Als Antwort auf die englische Küche.“

Nein, Matthias Deutschmann hat nicht den Blues, keine Angst. Obwohl es Fragen genug gäbe, die ihn verzweifeln ließen. Doch das brandaktuelle Kabarett überlässt er lieber anderen, ohne natürlich auf Sottisen für den tagespolitischen Moment zu verzichten. Sein Solo hätte er an diesem Abend auch gerne in der Knesset gespielt, wo just der EU-Parlamentspräsident mit seinen kritischen Anmerkungen zur israelischen Siedlungspolitik für einen Eklat sorgte. Das Postulat von Martin Schulz, auch Unbequemes aussprechen zu dürfen, hat sich Deutschmann ebenfalls auf die Fahnen geschrieben.

Während sein Kollege Volker Pispers gerne alte Nummern spielt, deren Aktualität nicht nur erheitert sondern auch erschreckt, fischt der Reiter der „Eurokalypse now“ bewusst in der Retrospektive: Krise, Guttenberg und Griechenland – all das scheint schon so lange her. Doch Deutschmann bewahrt brisante Fakten vor dem Vergessen. Mit seiner sonoren Stimme raunt er seine Kommentare in einem kabarettistischen „stream of conciousness“ ins Auditorium.

Bissig testet er dabei die humorigen Grenzen seiner Zuhörer aus und als er den Publizisten Henryk M. Broder mit Hermann Göring vergleicht („Wer Jude ist, bestimme ich…“), geht ein Raunen durchs Publikum. Deutschmann freut sich natürlich diebisch, wenn seine Provokation funktioniert: „Applaus vom linken und rechten Flügel, die Mitte schweigt. Typisch für Deutschland.“ Und holt zum nächsten Schlag aus: „Barack Obama? Die größte Enttäuschung seit es Schokolade gibt – und die ist bei mir positiv besetzt.“ Den Friedensnobelpreis solle der amerikanische Präsident doch lieber an Edward Snowden abgeben – Applaus von allen Seiten.

Deutschmanns große Kunst ist es, mit Verstörung und Versöhnung in rascher Akkordfolge zu spielen. Dabei legt er größten Wert auf den richtigen Ton – ob als Sprecher oder Cellist. Mal kommt die Pointe im Sforzato, mal im gehauchten Pianissimo daher, doch stets ist sie hörbar: Die Intonation des Kabarettisten schwankt keinen Augenblick, da lässt er sich von der Themenflut, durch die er sich durchdenken muss, nicht irritieren.

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