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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mehr Fragen als Antworten

MAINZ (27. Oktober 2016). Auf der Bühne stapeln sich die Pakete, zwei Büsten von Sokrates und einem Affenkopf stehen verloren herum. Noch bevor Bruno Jonas sein Publikum im Frankfurter Hof begrüßt, kommt man ins Grübeln. Was einen wohl erwartet? Auf jeden Fall kein seichtes Witzeln über Angela Merkels Garderobe oder Sigmar Gabriels Körperfülle: Jonas steht für tiefgründiges Kabarett, das eher zum Fragen anregt als leichtfertig Antworten zu geben. Mehr als einmal wird er mit breitem Grinsen bemerken: „Gell? Das gibt Ihnen zu denken.“

Die Rahmenhandlung ist schnell skizziert: Jonas spielt sich selbst, der als freischaffender Künstler zuhause arbeitet und daher allerhand Pakete für die Nachbarn entgegennehmen kann. „Nur mal angenommen…“ heißt denn auch das aktuelle Programm. Im Anzug und mit Pork-Pie-Hut auf dem Kopf monologisiert er über eine Themenauswahl, die so vielfältig ist wie die Pappschachteln, die sich mittlerweile in seiner Wohnung stapeln.

Damit ist auch schon der rote Faden gesponnen, der sich durch den Abend zieht – und zwar mit erstaunlich vielen Enden, an die Jonas im rustikalen Niederbayrisch anknüpft. Da ist die I-Watch, auf der er die freiwillige Aufgabe der Freiheit gegenüber einer Rundumüberwachung durch die Technik abliest. Plötzlich wird die Wirklichkeit von der Maschine produziert: „Ein Samsung als Kochplatte! Es gab ja schon Versuche, ein Feuerzeug zu integrieren.“

Doch Obacht: Worüber darf man überhaupt noch Witze machen? Und mit welchen Begriffen? Die Political Correctness ist längst als Sprachpolizei auf Streife: „Heute darf nicht jeder sagen, was er kann, sondern auch verstehen, was er will.“ Kontext und Subtext, Zusammenhang, Meinen und Verstehen – als Beispiel wird der AfD-Politiker Gauland mit seinem unseligen Satz von der Nachbarschaft zum farbigen Fußballprofis Boateng angeführt. Schelmisch hinterfragt Jonas die Zusammenhänge zwischen Politik und Populismus. Auch der einst bejubelte Satz „Wir sind das Volk“ werde heute von anderen skandiert: „Wird das Richtige falsch, wenn es der Falsche sagt?“

Sogar die Demokratie wird infrage gestellt, denn der Brexit oder aktuell der wallonische Widerstand gegen das Freihandelsabkommen Ceta würden ja kritisiert, doch beides seien Paradebeispiele für die Demokratie mit Plebiszit und Parlament. Oder wählt man wie die Griechen immer die, die am meisten versprechen und als Bayer ohnehin immer die Richtigen? Bruno Jonas ist ein Meister der feinen Ironie und ein Kabarettabend mit ihm deswegen so faszinierend, weil er durchaus Statement ist, aber nicht belehrt, sondern eigenes Denken einfordert. Wer sich nur bequem berieseln lassen will, ist hier fehl am Platz.

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