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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mitternacht heißt diese Stunde

WIESBADEN (4. August 2011). Nein, Johann Sebastian Bach stand – an diesem Abend zumindest – nicht im Mittelpunkt des Rheingau Musik Festivals. Im Friedrich von Thiersch-Saal des Kurhauses besang Ulrich Tukur die Zeit des zwölften Glockenschlags: „Mezzanotte“, Mitternacht, heißt sein Liederabend, den der Schauspieler gut aufgelegt und wortgewandt durchschritt.

Eine Reise durch die Nacht durfte das Publikum hier erleben und sich schon bald nicht mehr wie ein braves Auditorium, sondern wie eine Gruppe Nachtschwärmer vorkommen, die zu vorgerückter Stunde durch die Metropolen Europas schlendert.

„Vecchio Frack“ aus der Feder von Domenico Modugno („Volare“) ist die Eröffnungsnummer, zu der Tukur mit dem Akkordeon vor der Brust die Bühne betritt: „Und nachts kommen sie, die Verbrecher, Mörder, Saxophonspieler und Posaunisten…“ Gemeinsam mit einer exzellenten siebenköpfigen Jazz-Kapelle intoniert der Mime mit weichem Tenor Chansons und Couplets von Friedrich Schröder („Das Großstadtlied“), Casimir Oberfeld („J‘ai peur de coucher tout seul“) und Werner Bochmann („Die kleine Stadt will schlafen gehen“) oder Hoagy Carmichael („Stardust“), um nur einige zu nennen.

„Der Mond leuchtet auf viele Städte – die Nacht ist international“, streut Ulrich Tukur immer wieder Aphorismen ein wie der Sandmann sein Mineralgemisch. Kleine Geschichten, die der Schauspieler stets zu Dramoletten en miniature formt, dienen als Übergänge von der „Nassen Lyrik“ eines Barry Landau zum berühmten „Nachtgespenst“ von Rudolf Nelson, das Friedrich Holländer, von dem Tukur zum Schluss auch „Illusions“ anstimmt, so wunderbar vertont hat.

Die Lyrik des Abends ist oft schwül und schwer wie die Nacht, in der sie erklingt. Doch Tukur gibt jedem Akkord, jedem Vers eine eigene Richtung. Mit seiner kleinen, aber feinen Schlager-Revue wanzt er sich nicht an Größen wie Max Raabe oder Götz Alsmann heran, worauf der Arrangeur und Pianist des Abends, Lutz Krajenski, sorgfältig geachtet hat: Liegt bei den Kollegen der Akzent eindeutig auf der Musik, dringt Tukur tiefer in die schwarze Nacht vor, leuchtet mit den Chansons tonal auch finstre Gassen aus und erzählt von Liebe, Einsamkeit, Rausch und Gewalt, wie im eigenen Song „Willy Williams“, der vom Schlachter zum Schlächter wird.

Auf einer rieseigen Leinwand wird das Bühnenbild von Götz Loepelmann eingespielt: Aquarellhafte Skizzen vom Sternenhimmel, von Mond und Sonne, die sich zum Lied „Le soleil et la lune“ stets umkreisen, doch nie treffen, wechseln in aparter Überblendtechnik und illustrieren so die Lieder. Bei „Venezia, la Lune e tu!“ taucht die Lagunenstadt auf und zu „Underneath the Arches“ sieht man das nächtliche Lager eines Londoner Clochards, wodurch der mimisch-musikalische Abend auch optisch veredelt wird.

Garant der Güte ist jedoch Ulrich Tukur, dessen darstellerische Kunst in den kurzen Spielszenen so richtig aufblüht und seine Wandlungsfähigkeit dokumentiert: Ob als betrunkener Seemann in „Ich pfeif‘ heute Nacht“ von Bob Huber und Heinz Weiß oder (selbst) geschminkte Mörderin in Gaston Ouvrards „La Coco“ (Tukur fällt hier kurz aus der Rolle und bedankt sich beim Rheingau Musik Festival für das im imaginären Cabaret vorgefundene Kokain…) – mit Freude am Spiel ist er ein authentischer Tragikomödiant, der im Dunkel seinen Borchert deklamiert: „Wenn ich tot bin, möchte ich immerhin so eine Laterne sein, und die müsste vor Deiner Türe sein und den fahlen Abend überstrahlen…“

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