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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Gegen rechte Zwergpinscher

MAINZ (28. September 2016). Es gibt Sachen, die lassen einen kalt. Andere regen einen auf. Und wieder andere machen einen so richtig wild. Genau diesen Gemütszustand hat sich Michael Mittermeier für sein aktuelles Programm ausgesucht.

In großen Lettern prangt es als Graffito auf der Bühne in der Rheingoldhalle. Die Stimmung ist gut, die Erwartungen hoch, der Gutenbergsaal ausverkauft. Und irgendwie passt das Rot an den Wänden ja auch zum Titel, schließlich steht die Farbe auch für Zorn und Aggression.

Was also sind die „roten Tücher“, denen Mittermeier wutentbrannt hinterherläuft? Da der Titel „Wild“ so gut wie alles beinhalten kann, erweist sich auch das Programm als kunterbunter Themenmix, den der Comedian quirlig wie eh und je aufs Tapet bringt. Auch wenn er sich zuweilen im Dickicht der thematischen Vielfalt zu verlaufen droht, bindet er die einzelnen Bereiche doch geschickt zum Ganzen, indem er Pointen, die er vor ein paar Minuten gebracht hat, immer mal wieder im Folgenden aufblitzen lässt.

Wild macht Mittermeier das dicke Kind, das asthmatisch japsend mit dem Smartphone durch den Biergarten tapst und ihn dank eines gelben T-Shirts für ein Pokemon hält. Genauso regt Mittermeier der kläffende Miniaturhund auf, dessen Körperbau er herrlich detailliert und damit umso spöttischer beäugt. Da ist der Autofahrer vor ihm, dem er zwar brav hinterhertuckert, doch im Wageninneren wüst beschimpft – außer, seine mittlerweile achtjährige Tochter sitzt im Fond. Dann erfolgt statt verbaler Attacke nur innere Detonation.

Wenn auch mancher Gag vorhersehbar oder zuweilen auch nicht besonders geistvoll ist: Der Vortrag macht die Musik. Und hier ist Michael Mittermeier ein Meister seines Fachs: Seine mittlerweile 50 Jahre merkt man dem juvenilen Bajuwaren nicht an, seine Stimme klingt noch immer wie kurz vor der Mutation, seine Agilität auf der Bühne ist beachtlich.

Natürlich ist Mittermeier in erster Linie Comedian. Sein Job ist die Unterhaltung, er will die Menschen zum Lachen bringen. Politisches Kabarett ist seine Sache nicht, wobei einige Sentenzen des Programms durchaus eine deutlich hörbare Botschaft haben. Denn auch rechte Hasstiraden, die dem Künstler im Netz entgegenschwappen, machen ihn wild. Dem begegnet Mittermeier, indem er sie auf die Bühne zerrt und einem Holocaust-Leugner vorwirft, er sei aber „kein aufrechter Nazi“.

Donald Trump als vielleicht nächster US-Präsident mit „toter Katze auf dem Kopf“? Geschenkt. Aber Mittermeiers Terrorwarnung bleibt haften: „Wenn wir jetzt alle vor Angst aufhören mit dem, was wir tun, dann haben die anderen gewonnen.“ Deshalb steht dieser Comedian auch weiterhin auf der Bühne, wie er es auch am Abend des Münchner Amoklaufs im Juli getan hat. Damit wird auch aus dem größten Klamauk ein Statement, eine Haltung – und deutlich, dass Comedy und Kabarett zwei Seiten der gleichen Münze sein können.

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