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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Nippel, Lasche – fertig!

MAINZ (23. April 2010). Umzugskisten türmen sich auf der Bühne des Frankfurter Hofes. Was mag darin sein? Vom Band phantasieren ehrfurchtsvoll Parodien von Helmut Kohl oder Udo Lindenberg gar vom heiligen Gral. Bis der Eigentümer der Kartonage von einem unheilvollen Splittern begleitet fragt: „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Seit 35 Jahren steht Mike Krüger nun schon auf den Bühnen der Republik: Sein Anliegen ist gute Laune. Nicht mehr und nicht weniger. Diesen Hang zum Klamauk, der keinen tieferen Sinn vortäuschen, sondern einfach nur zum Lachen bringen will, den hat er gemein mit Kollegen wie Waalkes oder von der Lippe. Und das ist noch immer authentischer als das geistige Gezappel der jüngeren Generation. Zwar paddelt Krüger dabei meist im Seichten – das aber tut er mit einer Schlagzahl, die ebenfalls mächtig Wellengang erzeugt.

Nach nur 15 Minuten singt der ganze Saal das Lied vom Nippel und der Lasche – es ist 31 Jahre alt. Noch antiker kommt „Mein Gott, Walther“ daher, das das Publikum begeistert trällert. Auch wenn dies dem 59-jährigen Barden ein amüsiertes „So alt seid ihr doch gar nicht!“ entlockt, wird mit diesen Klängen bei jedem im Saal ein Stückchen Jugend aufflackern.

„Die Ehefrau von Tiger Woods hat den Beweis für seine Untreue schwarz auf weiß“ und „Ich hatte eine schwere Kindheit: Mein Vater spielte mit mir Reise nach Jerusalem, aber wenn mir die Leute im Kibbuz keine Rückfahrkarte gekauft hätten…“ Oder: „Ich hatte unser Auto beschissen gepackt – meine Frau saß vorne.“ Und: „Ich trinke nie – nur an Tagen mit g und mittwochs.“ Seine Scherze feuert Mike Krüger der Salve Schrot gleich ins Publikum – und so garantiert jeder Schuss auch Treffer.

Selbst der niveauverwöhnte Kleinkunst-Gourmet muss einsehen: Nachdenken oder gar grollen über einen schlechten Witz – dafür fehlt die Zeit, denn schnell touchiert die nächste Pointe unvorbereitet den für den Humor zuständigen Hirnlappen. Auch wenn Krüger mit dieser Taktik zuweilen bis weit über die Schmerzgrenze hinaus geht, flammt in einem die Erkenntnis auf: Es muss nicht immer Tiefgang sein!

Ist das jetzt Kunst oder kann das weg? Vielleicht hätte Krüger etwas mehr aus seinem vielversprechenden Titel machen können. Und womöglich muss man schlussendlich zugeben, dass das pausenlose Kalauern nicht unbedingt die hehrste Geistesäußerung ist. Doch Krüger beweist dabei beachtliche Intuition und versteht es, sein Publikum bei bester Laune zu halten. Also doch Kunst? Im weitesten Sinne? Gleichviel: Weg sollte so etwas auf keinen Fall.

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