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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Lesung ohne Lesen

MAINZ (6. März 2012). „Sie wissen, wer ich bin?“, fragt Henni Nachtsheim ins Publikum: „Nein?“ Und gibt sich gleich selbst die Antwort, wie er sie ja vielleicht insgeheim erhofft haben mag – natürlich in breitestem Hessisch: „Na der von Mundstuhl! E‘ bissi zugenomme‘, abber des isser!“ Da man sich fragen muss, was eine Hälfte gerade dieses Duos ohne die andere auf einer Bühne anstellen mag, muss er sich irren: Nachtsheim ist natürlich „der von Badesalz“.

Doch er, der mit seinem Bühnenpartner Gerd Knebel in den Programmen der letzten Jahre stets zu Topform aufläuft, kann sich auch alleine durchdribbeln: „Den Schal enger schnallen und in die Ohren spucken“ heißt sein Solo und dreht sich im weitesten Sinne ums runde Leder.

Dass der Badesalz-Fan an diesem Abend voll auf seine Kosten kommt, garantiert die Fähigkeit Nachtsheims blitzschnell mehrere Charaktere aus dem Hut zu ziehen, die er mit Frankfurter Idiom und schnellem Pinselstrich in den Abend karikiert. Dabei illustriert die Summe aus Nonsens, Mimik, Tonfall und Duktus Gags wie die Dialoge von Ehepartnern oder dem Mann, der sich laut türkischem Aberglauben beim Unterwandern eines Regenbogens in eine Frau verwandelt in eleganter Rustikalität.

Dass während der angekündigten Lesung – Nachtsheim hat bereits zwei Bücher mit Kolumnen veröffentlicht – kaum gelesen wird, liegt an seiner Abneigung gegenüber dem gedruckten Vortrag. Das Programm steht natürlich, lässt aber genug Raum für Stand up und spontane Reaktion auf das Publikum, dem an diesem Abend mit Mainz 05-Präsident Harald Strutz ballistische Prominenz beiwohnt. Ihm dürften besonders die Videoeinspielungen mit Torszenen, in die Nachtsheim sein Konterfei einmontiert hat, gefallen haben, so dass der Vereinsobere insgeheim wohl über einen Einkauf dieses Stars nachdenken wird.

Das Thema Fußball kullert den Abend über munter durchs Programm, ohne den Stadionmuffel zu langweilen: Sammelalben und Rasierwasser-Werbung mit Uwe Seeler sowie panische Angst vor Rubbellosen und Erinnerungen ans adoleszente Kicken ergeben eine unterhaltsame Mischung aus Tatsachen und Fiktion.

Bittere Realität hingegen ist für Nachtsheim, dass seine Landsleute noch immer gemobbt werden, wo selbst Engelerscheinungen hessisch reden: „Ei weil wir alle so babbeln müssen wie der Chef.“ Da könnte tatsächlich was dran sein, ist der Himmelsbote, an dessen Besuch der Comedian sein Programm lose anknüpft, doch letztendlich verantwortlich für die Bücher und das Bühnenschaffen Nachtsheims.

Und dieser wünscht sich einfach mehr Anerkennung: Mundartkrimis, hessische Porno- oder Horrorfilme und natürlich einen James Bond aus Frankfurt-Bockenheim. Letztendlich tut Nachtsheim das, was er eigenen Angaben nach am besten kann: „Ich texte die Leute zu bis sie keine Ahnung mehr haben, warum sie hier sind.“ Zugetextet hat er einen ohne Frage. Aber man wusste später noch den Grund seines Kommens: beste Unterhaltung mit rechtsrheinischem Akzent.

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