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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Rauschen im Blätterwald

MAINZ (6. Februar 2012). Wer schreibt, bleibt – wer spricht, nicht: Diese Weisheit wird vor allem von Juristen gerne ins Feld geführt, wenn es darum geht Vereinbarungen zu besiegeln. Dass sie auch für die Kabarettbühne gelten kann, beweist das Schweizer Ensemble „Ohne Rolf“ mit seinem aktuellen Programm „Schreibhals“: Rund 90 Minuten lang wird kaum geredet, dafür gibt es Lesestoff satt, denn Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg kommunizieren ausschließlich über bedruckte Bögen im Format DIN A1.

Mag man sich anfangs kaum vorstellen können, dass dieses Konzept einen Abend trägt, wird man schnell eines Besseren belehrt: Mit einer unglaublich filigranen Komik beweisen Anderhub und Wolfisberg, dass Reden zwar Silber, Schweigen aber Gold ist. 1999 probierten die beiden ihre plakative Idee in einer Fußgängerzone mit dem ersten Satz: „Hier gibt es nichts zu sehen.“ Eine glatte Lüge, denn es folgten nicht nur weitere Plakate, sondern mittlerweile zwei Programme – das dritte hat im April Premiere.

Doch worüber „unterhalten“ sich die beiden Schweizer? Anfangs sinnieren sie über Namen: Jonas fragt immer wieder, ob Christof diverse Anreden gefallen. Und der blättert ein stoisches „Nein“ nach dem anderen um. „Hast Du noch andere Plakate als Nein?“, wundert sich Jonas und Christof antwortet – natürlich – mit „Nein.“ Das Ganze hat etwas vom Stummfilm der 20er Jahre – nur ohne Musik und Handlung. Dafür steht bei „Ohne Rolf“ hintersinnige Komik: Schlägt Jonas den Namen „Alain“ vor, kommentiert Christof: „Klingt so einsam…“

Gedanken werden in Klammern gesetzt, Ausrufe versal geschrieben und wenn es richtig laut wird, dann werden die Großbuchstaben der Type Arial auch schon mal blattfüllend – Papier ist eben doch nicht immer geduldig. Das Bestechende an dieser Idee ist ihr verblüffende Schlichtheit: Ein leeres Blatt füllt sich mit erlesener Komik und tausend Kartons werden zum inhaltsschwangeren „Gespräch“. Dabei erweist sich das Bühnentreiben von „Ohne Rolf“ als beredte Hommage an die Letter – in der Gutenbergstadt Mainz natürlich am rechten Platz!

Doch „Ohne Rolf“ ist nicht mehr zu zweit, sondern hat Zuwachs bekommen: Rolf, so der alternative Namensvorschlag vom Kassettenrekorder-Hund Tippex zu Urs und Tristan, heißt der kleine Racker, der noch nicht selber blättern kann und für den sich das Blatt daher mechanisch wendet. Für ihn werden Paten gesucht, die sich nach der Taufzeremonie selbst blätternd unterhalten dürfen, als die Eltern auf einen Absacker in den nächsten Schreibwarenladen verschwinden: Hier ist die Improvisation natürlich bestens vorbereitet, wirkt aber wie eben erst ausgedruckt.

Nach der Pause agieren Anderhub und Wolfisberg dann als Puppenspieler und lassen ihren kleinen Rolf selbst drucken. Doch irgendwann streikt das Print-Subjekt und ein Zuschauer darf den Text sprechen. Gehört das zum Programm? Gekonnt pokert „Ohne Rolf“ mit der Verwirrung und lässt den kleinen Rolf fast unbemerkt gehen, um sich in der Schlussnummer von ihm im Altersheim besuchen zu lassen. Hier sind die Ausdrucke in Grau gehalten und Christof lässt seiner papiernen Inkontinenz freien Lauf, indem er Luftschlangen in die Bühnenecke pieselt. Keine Frage: „Ohne Rolf“ hat einmal mehr seine optische Duftmarke gesetzt.

Weitere Informationen und Termine gibt es im Internet unter http://www.ohnerolf.ch.

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