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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Otto on tour oder Lachen bis der Arzt kommt

MAINZ – Wie eine hochgetürmte Nordseewoge brandet der Applaus mit der Urgewalt einer Sturmflut durch die ausverkaufte Phönixhalle: Otto ist wieder da! Für Udo Jürgens beginnt das Leben bekanntlich erst mit 66 Jahren; wie wird dieser Abend erst verlaufen, wenn Otto dieses Alter erreicht hat?

Noch ist er erst 60 Jahre jung, aber hektisch wie immer: An Agilität nimmt es der Friese mit jedem Marathonläufer auf. Wie ein Flummi hüpft er im Hoppelschritt über die Bühne, ballert Ottifanten als flauschige Kanonenkugeln ins Publikum und ist nicht mehr und nicht weniger als: Otto.

Für viele gehört er untrennbar zur Kindheit, in der man noch Platten auflegte und das Fernsehen nur drei Programme hatte. Doch Otto bedient bei weitem nicht nur Nostalgiker: Viele Kinder und Eltern genießen dieses Familienprogramm genauso. Tuchfühlung ist garantiert, persönliche Ansprache auch: „Können Sie sich vorstellen mit mir verheiratet zu sein?“, fragt Otto eine Zuschauerin in der ersten Reihe und auf das zögerliche Ja gibt es ein trockenes: „Dann kommen Sie mal rauf und machen hier sauber.“

Dabei muss Otto eigentlich gar nichts tun: Mit minutenlangen Spruchbändern auf der Leinwand bringt er seine Fans schon vor Beginn sofort auf Betriebstemperatur und klinkt sein Gag-Bombardement ohne Punkt und Komma aus: Mit Semaphorismen phallischer Prägung begrüßt er die Region und erweist sich als bestens vorbereitet. Das zeigt, wie ernst ihm sein jeweiliges Publikum ist: Ein bloßes Runterreißen der Show ist bei Otto nicht drin.

Er gibt den Wasser spritzenden Clown, schneidet in Großaufnahme Grimassen zum eingespielten „Kleinen grünen Kaktus“ der Comedian Harmonists und lässt als Ostfriesenwitz in Person sein Publikum jodeln wie einst Cab Calloway im Cotton-Club. Trötende Ottifanten-Trophäen gehören genauso zum Programm wie die rasche Pointenfolge. Verschnaufpause? Fehlanzeige.

Keine Frage: Otto ist albern – und will wohl auch gar nicht anders sein. Wie ein Kind freut er sich, wenn seine Gags – und seien sie noch so banal – im Publikum einschlagen. Gewiss mag man bei näherem Hinsehen die eine oder andere Falte mehr entdecken. Doch scheint besonders Otto das Kind im Manne partout nicht gehen lassen zu wollen.

Das Besondere und fast schon Einzigartige an diesem beständig flackernden Nordlicht ist wohl die dreiste Chuzpe, sich nicht nur gegen das Älterwerden, sondern auch gegen die Strömungen des Humors zu stemmen. Frech wie Oskar rettet Otto seine anarchistische Komik durch die Dekaden und begeistert damit nach wie vor Jung und Alt. Jeder kennt seine Lieblingsgags und wie bei einem Rockkonzert, bei dem der Star nur ein paar Riffs anspielen muss, reagiert das Publikum sofort auf die ersten Silben der sattsam bekannten, doch auch immer ein bisschen aktualisierten und somit entstaubten Schätzchen: Englisch für Fortgeschrittene, Robin Hood, Harry Hirsch und natürlich Richter Ahrens.

Zu Beginn des zweiten Teils gibt es mit dem köstlich verulkten Heintje-Song „Mama“ eine geniale Parodie auf den Telekom-Werbespot mit Opernstar Paul Potts und beim nachgerade schon traditionellen „Hänsel und Gretel“ imitiert Otto nicht nur Xavier Naidoo, Peter Maffay, Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer, sondern ebenso perfekt seine Comedy-Kollegen Rüdiger Hoffmann, Mario Barth und Atze Schröder: Ihm fällt also immer noch etwas Neues ein. Hoffentlich noch jahrelang, denn „Otto kann man auch noch mit 80 anschauen“, bemerkt ein Zuschauer – offenbar ist es hier egal, wer von beiden nun dieses Alter erreicht hat…

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