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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Eigenwilliger Religionsunterricht

MAINZ (11. März 2015). Der frühere Papst Benedikt erklärte die Protestanten zur Sekte, militante Islamisten löschten die Redaktion einer französischen Satirezeitschrift aus oder zündeten den Dannebrog an, weil ein dänischer Karikaturist in ihren Augen den Propheten Mohamed verspottet hatte.

Religion, das wussten auch schon die „Andersgläubigen“, die sich mit den buchstäblich scharfen „Argumenten“ christlicher Kreuzritter konfrontiert sahen, mag in den Augen von Karl Marx „Opium für das Volk“ sein, für viele ist es eher purer Sprengstoff.

Den zu entschärfen oder doch zumindest als unterhaltsames Pointenfeuerwerk abzubrennen haben sich die beiden Kabarettisten Kerim Pamuk und Lutz von Rosenberg Lipinsky vorgenommen – der eine ist muslimischer Orientalist, der andere protestantischer Theologe mit ostwestfälischem Migrationshintergrund. Zusammen stellen Sie sich als „Brüder im Geiste“ vor und haben auch gleich ihr aktuelles Programm so genannt.

Solche Brüder im Geiste sind sie – keine Frage: Jeder nimmt den anderen nicht zu ernst, sich selbst aber auch nicht. Zu Beginn spielen sie ihre Religionen unterhaltsam gegeneinander aus – mal gewinnt das Christentum, mal der Islam: Bibel gegen Koran, h-moll-Messe gegen Bauchtanz. Nur beim Thema Humor geben sich beide geschlagen.

Fundamentalistisch geht es hier nicht zur Sache, dafür aber fundiert: Das Publikum erfährt viele Fakten über die beiden Religionen, was sie trennt und was sie vereint – zum Beispiel die Tatsache, dass beide glauben, im Besitz der letzten Wahrheit zu sein, diese aber letztlich doch nicht kennen: Noch berichtete keiner vom ewigen Leben – oder von 72 Jungfrauen.

Wären an diesem Abend verblendete Anhänger der einen oder anderen Weltreligion dagewesen, es hätte vielleicht zu Ausschreitungen kommen können, denn Pamuk und von Rosenberg Lipinsky nehmen kein Blatt vor den Mund. Darüber kann man sich echauffieren, sicherlich – doch weit weniger kräftezehrend ist es, den beiden zuzuhören. Dann begreift man, dass die beiden nichts anderes im Schilde führen als die hingerichteten Zeichner von „Charlie Hebdo“: Die Leute zum Lachen zu bringen, ist das Ziel – sich über Religion lustig zu machen, ist es nicht.

Ob man es so wie diese „Brüder im Geiste“ erreichen kann, ist allerdings Glaubenssache: Letztendlich servieren die Künstler nämlich ein kabarettistisches Büffet, das sicherlich partiell auch durch Klasse überzeugt, letztendlich jedoch durch Masse erschlägt. Zu viel passt einfach nicht zusammen, so dass man sich am Witz der beiden schnell überfrisst.

Weniger wäre hier sicherlich mehr und der Erkenntnisgewinn, den Pamuk und von Rosenberg Lipinsky zweifelsohne vermitteln können, noch größer. Letztendlich kommt aber auch dieses Kabarett zum Ziel: Es weckt Widerspruch und ermutigt zum hinterfragenden Nachdenken.

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